Der „akademische“ Streit um die Zukunft der Kirche

Martin Luther verfasste seine Thesen als Diskussionspapier und hängte es ans „Schwarze Brett“ der Universität Wittenberg. Er wollte damit den akademischen Diskurs über Missstände in der Kirche voranbringen. Damit hat er nun bewusst oder unbewusst eine öffentliche Diskussion ausgelöst. Und zeitnah durch die rasche Übersetzung ins Kanzleideutsch und den Buchdruck nach dem neuen Gutenbergverfahren verbreitete sich eine allgemeine Empörung im deutschen Volk, die dann zu leidvollen Kirchenspaltungen führte.

Nun kann man jene Thesen und das Memorandum der Theologieprofessoren nicht vollständig vergleichen. Der Ausgangspunkt beider Papiere ist ähnlich: die Erkenntnis, dass sich im Laufe der Zeit, expl. der jüngsten Vergangenheit, Missstände in der Kirche aufgetan haben. Damals waren es die Auswüchse des Ablasshandels, der zur Sicherung der bigotten Lebensgestaltung des Papstes, seines Hofes und so mancher Fürstbischöfe diente.

Heute sind es die Diskrepanzen, die sich in der Moraltheologie auftun und sichtbar werden in der Ausrichtung der Kirche nach den Lehrmeinungen auf der einen Seite und der Lebensweise des modernen und postmodernen Menschen auf der anderen Seite. Eben diesen Menschen interessieren die Lehrmeinungen der Kirche nur im Vergleich zu seinem eigenen Lebensentwurf. Ist die Vorstellung des eigenen Lebens kompatibel mit den Lehrmeinungen, kann ich sie akzeptieren und befolgen. Diesem Duktus folgen alle Römischen Katholiken.

Und hier unterscheidet sich diese Diskussion über Memorandum oder Petition vom Thesenpapier Luthers. Der ursprüngliche Gedanke Luthers war der akademische Streit. Deshalb waren die Thesen in Latein abgefasst. Er wollte zwar auch den Papst in diesen Diskurs bringen, aber zuerst das Kollegium in Wittenberg.

Das Memorandum kann bereits von einem Dialogprozess ausgehen, der in der Kirche schon einige Jahrzehnte sich entwickelt hat, eben aus der Not heraus, dass Missstände sichtbar geworden sind, gravierende Missstände, wie ich meine. Es ist eben ein Memo und nicht als Starterset gedacht. Es soll die Diskussion über die notwendigen Veränderungen in der Kirche am Kochen halten. Auch oder gerade weil ein Papstbesuch in Deutschland ansteht. Der Papst wird zwar nicht als Adressat genannt, aber ist – meiner Meinung nach – ganz sicher neben der Deutschen Bischofskonferenz der Adressat schlechthin.

Die Petition Pro Ecclesia steht dem Memorandum als Verteidigungsschrift gegenüber. Es sind ausdrücklich die Bischöfe als Adressaten genannt. Auch die Petition ist aus einer Not heraus geboren. Diese Not hat nichts mit dem Leben der Christen gemein und begründet sich allein in dem Satz: „Wir wollen darauf [d.Red.: bezieht sich auf die Äußerung der Spitzenpolitiker der CDU und der Theologieprofessoren, die das Memorandum verfasst haben] ebenfalls öffentlich antworten und mit dieser Petition an unsere Bischöfe dem verzerrten Bild von der Kirche in der Öffentlichkeit entgegentreten.“

Es geht also nicht um ein Mea Culpa, wie es noch Papst Johannes Paul II. formulierte. Die Kirche sei eingeladen, „sich stärker der Schuld ihrer Söhne und Töchter bewusst zu werden“. Gemeint ist hier eine Bewusstmachung der historischen Schuld der Kirche sowie „eine theologische Vertiefung dieser bewussten Annahme des historischen Versagens und der möglichen Bitte um Vergebung gegenüber den Zeitgenossen.“ Das ist aber nicht das Ziel der Petition. Es geht auch nicht darum, das Bild der Kirche darzustellen, wie es ist, sondern wie es den Verfassern der Petition gemäß sein sollte. Da liegt der große Unterschied zum Memorandum. Die Theologieprofessoren gehen – wie es akademisch ist – von einem empirischen Ist-Zustand aus und mahnen einen aus der Bibel herleitbaren Soll-Zustand an. Die Petition aber geht von einem Soll-Zustand der Kirche aus und resümiert, dass Äusserungen wie die dieser Theologieprofessoren damit nicht zusammenpassen. Die Petition erkennt aber nicht den tatsächlichen Ist-Zustand, degradiert die Diskussionspunkte zu Forderungen und bittet die Bischöfe um ein Machtwort (das wird nicht so explizit gesagt, ist aber wohl intendiert). Im übrigen: Der Verfasser der Petition scheint ein Priesteramtskandidat zu sein, der die Seminarluft sehr zu lieben scheint und kaum an der Sonne spazieren geht. Das eine wie das andere Schreiben auseinander zu nehmen, würde in diesem Posting zu weit führen.

Scheinbar gibt es aber zwei Lager (in Wirklichkeit sind es drei, wobei die dritte Fraktion ca. 2/3 der Katholiken ausmacht):

Die einen befürworten das Memorandum und sammeln in gesonderten Traktaten Unterschriften. Die anderen unterschreiben die Petition. Doch das ist alles nur Geplänkel und schein-theologisches Geschwätz, das im Gegensatz zu Luther den größten Teil des Volkes Gottes nicht die Bohne interessiert. Zu Luthers Zeiten (ohne Internet) kochte die Geschichte so hoch, dass es zu den verschiedensten Irrungen und Wirrungen im Volk führte (u.a. Bauernkriege).

Die dritte Fraktion, i.e. die Mehrheit der Katholiken hat weder von Petition noch Memorandum gehört. Es interessiert auch keinen Normalsterblichen. Das Leben ist Veränderung. Die Hardware (das Leben der Menschen) hat sich nun mal verändert, da müssen wir auch die Software ändern. Schließlich ist keiner unter euch, der seinen Laptop noch mit DOS oder dem ATARI-Betriebssystem laufen lässt. Eins bleibt jedoch gleich: ohne Energie läuft auch ein Supercomputer nicht. Als Christ glaube ich, dass ich meinen Strom aus der Bibel beziehe, kostenlos und aus purer Gnade. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich Gott glauben kann, sondern allein Gottes Gnade.

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4 Kommentare zu „Der „akademische“ Streit um die Zukunft der Kirche“

  1. Nicht die Bibel ist der „Strom-Lieferant“ der wahren Christen,
    die von Christus, zu Christen,Jünger und seine Nachfolger gemacht werden,
    SONDERN der Heilige Geist,welcher ist der Geist der Wahrheit sagt Christus in Johannes Kapitel 14,15,16,17,:

    Diesen Heiligen Geist, haben sich weder die Katholiken, noch die Lutheraner,
    noch die Evangelischen, noch die anderen,weit über 600 verschiedenen Religionen, Kirchen, Tempeln, Gemeinden und Sekten sich aneeignet durch Liebe und Gehorsam gegenüber Gott und seinem Christus, wie Petrus es forderte nachdem er den Heiligen Geist empfangen hat in der Apostelgeschichte 5,32/ 4,12/Römerbrief Kapitel 8,

    Christus ist die einzige >Tür in das Reich GottesTür zum geistlichen Amt GottesWiedergeburtschristen< heißt es von diesem Tag an:
    "Sehet zu, dass ihr den nicht abweiset,der da redet.
    Denn so jene nicht entflohen siind, die IHN abwiesen,
    da Er auf Erden redete,
    viel weniger wir, so wir den abweisen,
    der vom Hmmel redet"! (steht auch im Hebräerbrief 12, 25)
    (Der Wiedergeburtschrist Gottes!

  2. Tja, das eigentlich aufregenswerte zu diesem Thema ist, dass sich 2/3 der Katholiken NICHT aufregen, dass es sie gar nicht interessiert!

    Müsste sich nicht eigentlich jeder (Katholik) darüber Gedanken machen?

    Ich habe mir das Idealist-Sein eigentlich abgewöhnt, aber manchmal bricht es wieder durch. z.B. wenn sich keiner (zumindestens nur ein ganz kleiner Teil) für so etwas mehr interessiert, geschweige denn engagiert, egal für (oder gegen) welche „Seite“. Aber das ist der Wandel in der heutigen Zeit…

  3. „Im übrigen: Der Verfasser der Petition scheint ein Priesteramtskandidat zu sein, der die Seminarluft sehr zu lieben scheint und kaum an der Sonne spazieren geht.“

    Wie man sich doch täuschen kann.
    Der Verfasser der PPE ist ein verheirateter Laie mit Kindern, schon viel zu alt für ein Seminar, aber deutlich zu jung um die alten Kamellen der 68er wiederkäuen. Außerdem liebt er es, an der frischen Luft zu sein.

    1. ‚tschuldigung. Über Meinungen lässt sich schlecht streiten. Ich bin ein sehr ambivalenter Mensch. Aber ich erkenne Formulierungen, die nach Seminaristenworten klingen, denn ich habe da gewisse Erfahrungen. Der westdeutsche Streit um die 68-er ist mir völlig schnuppe, denn diese Phase der demokratischen Entwicklung hatten wir nicht. Obwohl ich schon einige Jahre auf dem Buckel habe, denke ich (auch auf die Gefahr hin, wieder als Phrasenschwein angesehen zu werden): Alter schützt vor Torheit nicht. Weisheit aber ist durchaus kein Previleg der Jugend.

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