In einem deutschen Land aufwachsen

… , das geprägt ist von Spaltungen und Brüchen, die es selbst hervorgebracht hat,  ist nicht leicht. Politisch korrekt müsste ich wohl sagen: in den Neuen Bundesländern. Aber ich meine noch einen anderen Bruch. Diese Spaltung belastet mich sehr. Sie ist verbunden mit Personen, die im kulturreichen mitteldeutschen Raum eine Strahlkraft entfalteten. Wer jetzt an Goethe und Schiller denkt, liegt einige Jahrzehnte, Jahrhunderte daneben. Luther, Melanchton, Bodenstein (Karlstadt) und Müntzer, um nur die wichtigsten Reformatoren zu nennen, haben sich hier ausgetobt, mehr oder weniger mit Gewalt. Aber alle mit dem Ziel: die Kirche zu erneuern.

Dann sind sie über das Ziel hinaus geschossen, und es ging nur noch um Verteidigung und Beharren in den Standpunkten. Die Zeit ging ins Land. Das „Tausendjährige Reich“ war nach wenigen leidvollen Jahren Geschichte. Dann kamen andere Herren, die dem Volk den Gedanken einpflanzten: Es gibt keinen Gott. Und die Macht dieses Gedankens ist noch heute zu spüren: 75 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung leben eine Art Alltagsatheismus oder besser gesagt eine schwache, unreflektiert Form von Agnostizismus: Ich kann Gott nicht erkennen, deshalb glaube ich nicht, dass es ein allmächtiges Wesen gibt, das diese Welt geschaffen hat und weiterhin leitet. Wissenschaften sind das Non-Plus-Ultra, wenn man es so betrachten will, sind der Glaube an sie und die Allmacht des Fortschritts die Ersatzreligion der Atheisten. Aber auch Atheisten müssen mehr und mehr erkennen, dass diese Phantasien, dass der Verstand alles erfassen kann und der Fortschrittsglaube die Menschheit vorwärtsbringt, abgefrühstückt sind.

Atheisten fragen bei Katastrophen wesentlich mehr nach Gott, als es vielleicht Christen tun: Wo is er denn nun, euer Gott? Warum hat er das zugelassen, wenn er denn allmächtig sein soll? Liebt er das Leid, ist er Sadist oder Masochist? Da bleibt für mich nur die Gegenfrage: Welchen Trost kann ich den Menschen geben, wenn ich ihnen sage, dass sie Opfer ganz natürlicher Vorgänge geworden sind, die sich wissenschaftlich bis ins kleinste Detail erklären lassen. Sie waren halt nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Sorry, aber da gibt es keinen der dein Schicksal irgendwie interessiert.

Und jetzt schauen wir auf die Weltbevölkerung: Ca. 80 Prozent der Weltbevölkerung glauben an ein höheres Wesen oder eine höhere Macht. Atheistische Tendenzen  stammen strenggenommen nur aus dem Kulturkreis Europa und wurden dann über den sozialistischen Gedanken exportiert nach Kuba und China, Russland. In all den genannten Ländern konnte sich der Agnostizismus nur bedingt durchsetzen. Nach der sog. Wende kam es in Russland zu starken retro-religiösen, ja teilweise fundamentalistischen Bewegungen. Die einzig resistenten Atheistenhochburgen sind der Osten Deutschlands und Tschechien.

Das hängt meiner Meinung mit den Reformatoren zusammen, die ein Gedankengut in die Welt gesetzt haben, welches ein guter Nährboden wurde für alle, die seither auch auf gesellschaftliche Veränderungen drängen. Wenn man so will, ist der Protestantismus in den deutschen Landen der Auslöser für atheistisches Gedankengut. In islamischen Ländern gibt es keinen Atheismus.

Als Exportschlager war er jedoch nirgends in der Welt der Hit. Erstaunlich ist eines: fundamentalistische Gläubige und „wahre“ Atheisten geben sich in ihren Verteidigungsstrategien gleichermaßen kämpferisch wie beharrlich. Es wird den sogenannten „modernistischen“ Christen vorgeworfen, sie seien in dieser Hinsicht zu zahm. Toleranz ist schon immer verkannt worden und wurde nie von den alten Griechen und ihrer Philosophien übernommen. Dennoch bilden viele ihrer philosophischen Äußerungen die gedankliche Grundlage der Atheisten wie auch der Christen. Ignoranz ist das Gegenstück, das beide Fangruppen auszeichnet. Und das bringt uns bekanntlich nicht weiter, weder in der Welt insgesamt noch im Dialogprozess unter den einzelnen gesellschaftlichen und religiösen wie atheistischen Strömungen.

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2 Kommentare zu „In einem deutschen Land aufwachsen“

  1. Fangruppen … fan atische Gruppen … das bringt wirklich Niemanden weiter.

    Es ist „ein Kreuz“ mit der Bildung. Wie, ein für alle Völker, Kulturen und Religionen gleichverständliches und vereinbarendes „Manifest“ schaffen?
    Und dann auch noch der Faktor Zeit … ?

  2. Die lieberalen Kuschelchristen weisen nur ein Problem auf: Die Welt ist feindlich gegenüber der Wahrheit (die ich in meinem Reaktionismus mit der Lehre der Kirche gleichsetze), und ohne klaren Standpunkt erfährt die Welt nichts von der Wahrheit. Toleranz scheint es mir sowieso kaum zu geben, das ist entweder Indifferenz, Relativismus oder unreflektiertes Dialogisieren.
    *seufz*

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