Sind auch wir blind?

Was soll diese Frage? Natürlich weiß der geneigte Leser oder Hörer des Johannesevangeliums, dass die Pharisäer bei Johannes nicht gut wegkommen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Doch darüber, was die Bibelstelle exegetisch alles so enthält, sollst du, geneigte(r) Leser/in dieses Blogs, lieber ein gutes Handbuch zur Hand nehmen. Ich hingegen möchte meine „unrasierten Sonntagsgedanken“ dazu sagen, ob gelegen oder ungelegen.

Wenn ich auf die Gegenwart schaue, macht mich diese Erzählung in dreierlei Hinsicht nachdenklich.

In erster Linie geht es um das Erkennen des Menschensohnes, des Messias und Christus. Wir leben in einer Zeit, in der Spiritualität boomt und Religion wieder gefragt zu sein scheint, zumindest im Westen Deutschlands und anderswo in der Welt. Aber  der Glaube an Jesus Christus als Erlöser und Messias spielt  in unserer Kultur eine immer geringere Rolle. Was macht die Menschen blind für Christus? Gibt es etwas, was sie gewissermaßen blendet? Ist es „das real existierende Christentum“, das sie abhält, sich mit seinem Leben und mit seiner Botschaft zu befassen? Sind wir, die wir uns zum Christentum bekennen, mit den Eltern des Blindgeborenen zu vergleichen, die sich herumwinden und ängstlich hinter ihren Antworten verstecken? Sie haben nicht mehr zu sagen als: „Das wissen wir nicht“. Unsere Lebensweise macht nur wenige Menschen neugierig zu fragen: Von wem lassen die sich leiten?“ An wen glauben die Christen?

Ein Zweites frage ich mich: Wie weit behindert meine vorgefasste Weltanschauung ein unvoreingenommenes Wahrnehmen des Wirkens Gottes in dieser Welt? Jesus forderte einmal seine Zuhörer auf, „die Zeichen der Zeit“ zu deuten. In den vielen Versuchen, die Zeichen unserer gegenwärtigen Zeit zu deuten, fällt mir auf, wie viele Menschen einfach ihre gewohnten Denkmuster und verinnerlichten Dogmen anwenden und wie schnell sie zu Urteilen gelangen, die weder zu einer vertieften Sichtweise noch zu einer neuen Erkenntnis führen. Meistens treten wir auf der Stelle, wenn wir die sog. Zeichen der Zeit diskutieren. Weltanschauungen und Religionen im Besonderen neigen zur Dogmenbildung, eigene Sprach- und Verhaltensmuster. Nicht immer verhelfen echte und oft auch nur scheinbare Dogmen zu einer klareren Sicht. Vorgefasste Meinungen können das Aufbrechen alter und verkrusteter Sichtweisen verhindern und den Blick auf die Fakten trüben.

Die Diskussion um die Stellung der Frauen, um eine Neubewertung der Sexualität, um die Lebensform Zölibat, um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen werden in der kirchlichen Auseinandersetzung als nicht wirklich wichtig abgetan oder mit dem Hinweis auf die Tradition vom Tisch gewischt. Die Frage, ob in den Problemen, die wir als Kirche in all diesen Bereichen haben, uns nicht Gott selbst neue Wege zeigen will, wird von denen, die das letzte Wort zu haben scheinen, erst gar nicht zugelassen.

Eine dritte Beobachtung macht mich nicht weniger nachdenklich: Viele Menschen neigen dazu, negative Ereignisse sehr schnell dem Wirken Gottes zuzuschreiben. Wenn sie mit Krankheit, Schicksalsschlägen oder Katastrophen konfrontiert sind, fragen sie: „Wie kann Gott das zulassen?“ Oder sie sehen darin gar eine Strafmaßnahme Gottes. Wenn hingegen offensichtlich Positives zu verzeichnen ist, kommt ein mögliches Wirken Gottes nur selten in den Blick. Vereinfacht gesagt: Für die Krankheit ist Gott verantwortlich, die Gesundheit verdanken wir uns selbst oder den Ärzten.

Den Medien werfen wir gerne vor, dass sie mehr an schlechten Nachrichten interessiert seien als an guten. Dies gilt wohl mehr noch von uns, den Nutzern der Medien. Sind wir blind sind für das Gute und Positive in der Welt? Hängt das Schwinden von Glaube und Religion in der Öffentlichkeit vielleicht auch damit zusammen, dass wir das Wirken Gottes in der Welt nicht mehr wahrnehmen, bzw. Positives nicht mit ihm in Verbindung bringen? Können wir glauben, dass Gott auch heute noch am Werk ist? Können wir das Gute und Positive sehen oder stimmen wir ohne nachzudenken ein in die Chöre der apokalyptischen Schwarzmaler?

Müssen nicht auch wir wie die Pharisäer fragen: „Sind etwa auch wir blind?“ Oder müssten vielmehr nicht auch wir Jesus bitten: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können?“ Das wäre doch eine lohnenswerte Aufgabe für die vorösterliche Bußzeit.

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