Tyrannenmord oder Lynchjustiz?

Darf ich mich als Christ über den Tod einer der meist gesuchtesten Massenmörder und des gefährlichsten Terroristen der Welt freuen? In Deutschland ist eine Diskussion entbrannt, die sich wieder auf die christlichen Wurzeln Europas besinnt, die doch in letzter Zeit permanent versucht werden auszublenden. Aber es ist weit mehr als das: Deutsche können den Nationalsstolz mancher Nationen nicht nachvollziehen, denn sie haben keinen. Immer wenn in Deutschland oder Teilen davon (DDR) versucht wurde ein Nationalgefühl oder so etwas ähnliches zu entwickeln, dann ist das gründlich schiefgelaufen. Und nach der braunen Diktatur ist es uns Deutschen auch von der Weltöffentlichkeit regelrecht vermiest worden, auf das eigene Land und die Flagge stolz zu sein. Lediglich die Fußballweltmeisterschaft hat es geschafft, dass die Flagge aus dem Hinterstübchen geholt wurde und öffentlich allerorten aufgehängt wurde. Für kurze Zeit keimte ein Nationalgefühl auf.

Die USA war schon immer ein patriotisches Land, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwar kann das Land auf eine nicht allzu lange und vor allem nicht rühmliche Geschichte (Landnahme, Ureinwohner, Bürgerkriege, Sklaverei, Vietnam) zurückschauen, aber es geht anders mit seiner Geschichte und den Traditionen um: stolz und selbstbewusst (positiv formuliert). The (US) American Way of Life ist zum allgemeinen (Alp-)Traum der Menschen in diesem riesigen Land geworden. Die Probleme, die der ungezügelte Kapitalismus (weit geöffnete Schere zwischen Arm und Reich, Umwelt) mit sich bringt, sind vielen Menschen in den USA nicht bewusst: Wir sind Amerika und wir sind stolz darauf, der Rest der Welt ist nur interessant, wenn er diesem Weg folgt. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, sind solche Länder Feinde Amerikas und müssen – das wird vom Präsidenten und den Politikern erwartet – mit allen Mitteln bekämpft werden.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des sog. Ostblocks ist die kommunistische Bedrohung als Erzfeind aus dem Osten entmachtet. Der weltweite Terrorismus ist dafür an seine Stelle getreten. Damit dieser Terrorismus auch dingfest gemacht werden konnte, bot sich der Massenmörder Osama bin Laden selbst an. Seit dem 11. September 2001 hat die USA wieder ein klares Feindbild. Durch Falschmeldungen der CIA wurde zwischenzeitlich Sadam Hussein in die Schusslinie gerückt, wahrscheinlich auch deshalb, weil man Bin Laden lange nicht festnageln konnte. Dass der Irak-Krieg nur eine Ersatzbefriedigung  der US-Nationalgefühle war, wird selten bedacht, ist aber durchaus nachvollziehbar. Der Demokratie-Export a la USA ist dabei nur vorgetäuscht. Und so langsam müsste es den USA aber auch dämmern, ihre Demokratieschablone passt nicht überall in der Welt. Zumal es eine äußerst wackelige Vorstellung von Demokratie ist (siehe Guantanamo). Im übrigen: Vergleiche der USA mit der Weltmacht Römisches Reich sind keineswegs an den Haaren herbeigezogen (Senat, Kapitol, Caesar=Präsident).

In der Philosophie wird zwar die Option des Tyrannenmords diskutiert, auch das deutsche Grundgesetz schließt ihn nicht aus. Das einzige Problem ist nur, dass Bin Laden kein Tyrann in dem Sinne war. Ein Massenmörder schon. Denen steht aber auch nach amerikanischen Recht (meines Wissens) eine Gerichtsverhandlung zu. Alles andere ist Lynchjustiz, die von modernen Rechtssystemen immer wieder bekämpft aber scheinbar auch immer wieder selbst betrieben wird.

Und nun zur Ausgangsfrage: Kann ich als Christ eine solche Aktion, einen Auftragsmord, oder nennen wir es -tötung gutheißen? Nein, denn es ist und bleibt ein Verstoß gegen göttliches Gesetz. Deshalb wäre auch jeglicher Jubel ein schwerer Verstoß gegen die Gebote Gottes und gegen die christlichen Grundprinzipien. Und da wären wir wieder ganz am Anfang: Diese Grundprinzipien wollen ja heute viele – besonders die sogenannten Atheisten – negieren und mit Füßen treten. Das „Auge um Auge und Zahn um Zahn“-Prinzip oder Blutrache entsprechen vielleicht menschlichen Gefühlen, aber in letzter Konsequenz führen sie entweder zur Anarchie oder zum islamischen Gottesstaat.

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