Wenn Katholiken aus der Reihe tanzen

… nennen wir das Reformation oder Piusbruderschaft. Das eine führen Traditionalisten gerne ins Feld, wenn sie Katholiken treffen, die Reformen anmahnen. Das andere wird von den Fundis beliebäugelt und von den „Reformern“ verketzert, weil die Anhänger der Piusbruderschaft am alten Ritus und den alten Vorstellungen der Kirche festhalten, vor allem auch am Priesterbild. Die Gegenseite sieht das natürlich anders: Kirche ist Volk Gottes. „Ecclesia semper reformanda“. Diese Aussage des Protestantismus ist auch zum „Schlachtruf“ des 2. Vatikanischen Konzils geworden. Wen sollte es da noch wundern, wenn Fundis gegen das Vatikanum 2 ihre Thesen skandieren. Lange habe ich nach einer Quelle für folgenden Ausschnitt aus der Eröffnungsrede des Papstes Johannes XXIII. zum 2. Vatikanum auf den Internetseiten des Vatikans gesucht, aber nicht gefunden. Im weiteren Verlauf der Rede erläutert der Papst, was er unter „Aggiornamento“ versteht.

„In der täglichen Ausübung Unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, daß bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, daß unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den Zeiten früherer Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitten und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und recht, zugegangen.

Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergange stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche, die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muß man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meist über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche.“

(Quelle: UB Freiburg, Rede von Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962)

Schon zu einer Zeit, als er theologisch wissenschaftlich tätig war, wandte sich Papst Benedikt XVI. gegen eine allzu einfache Sicht des Aggiornamento:

„Die Grundparadoxie, die im Glauben an sich schon liegt, ist noch dadurch vertieft, dass Glaube im Gewand des Damaligen auftritt, ja, geradezu das Damalige, die Lebens- und Existenzform von damals, zu sein scheint. Alle Verheutigungen, ob sie sich nun intellektuell-akademisch ‚Entmythologisierung‘ oder kirchlich-pragmatisch ‚Aggiornamento‘ nennen, ändern das nicht, im Gegenteil: diese Bemühungen verstärken den Verdacht, hier werde krampfhaft als heutig ausgegeben, was in Wirklichkeit doch eben das Damalige ist.“

(Quelle: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968)

Die Kernaussagen des Glaubens, die in Lehrsätzen (Dogmen) formuliert sind, betreffend, lässt sich nichts diesen Worten hinzufügen. Nun aber ist der christliche Glaube kein Monolith, hat etwas mit persönlicher Erfahrung zu tun und ist damit immer auch mit Marginalien behaftet, die ihn geradezu facettenreich und lebendig machen. Und da irrt sich der Dogmatiker, wenn er meint, dass die Lehrsätze das „Gewand des Glaubens“ sind. Wenn ein Gewand nach außen sichtbar ist, dann ist es eine zerstrittene, un-eine und sündenbehaftete Kirche. Deshalb bedarf es immer wieder einer „Verjetzigung“ und nicht einem falsch verstandenen Konservativismus. Dass das Pendel aber zur Zeit eher in die Richtung der traditionalistisch verstandenen Kirche umschlägt, ist bei den Äußerungen des jetzigen Papstes kein Wunder. Aber auch die „Reformer“ schießen über das Ziel hinaus. Mit dem Memorandum, das zu flach und für Wissenschaftler zu wenig fundiert ist, haben sie eher ein Eigentor geschossen. Auch die Formulierungen der „Pfarrer-Initiative: Aufruf zum Ungehorsam“ ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn damit setzen sie sich selbst ins Aus. Dennoch halte ich es für unablässig: Kirche muss dialogfähig bleiben und in mancher Hinsicht erst einmal werden. Etliche „heiße Eisen“ sind schon viel zu lange unter den Tisch gekehrt worden. Aber wie das geflügelte Wort schon zum Ausdruck bringt, glühen sie auch dort weiter.

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1 Kommentar zu „Wenn Katholiken aus der Reihe tanzen“

  1. Ich finde es hochinteressant, daß jene Kreise, die sich immer so gerne auf das Konzil berufen, solche Zitate wie das von Dir genannte meist ganz gerne ausklammern.

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