Konsum oder die Götter des Kapitalismus

Was würde Jesus machen, wenn er in einen Supermarkt geht? So oder ähnlich stellt sich Jobo72 die Frage, wenn er das Evangelium: Joh 2,15-16) betrachtet (Tempel und Markt). In Anlehnung an das Buch: „Herbergsuche. Auf dem Weg zu einer christlichen Identität in der modernen Kultur“ von Jozef Niewiadomski habe ich eine kleine Predigtreihe begonnen.

Einige Gedanken vorab. Ansonsten gilt das gesprochene Wort.

Betrachten wir doch einmal, wie ein solcher Gottesdienst im Tempel des Marktes und Konsums aussieht: Da öffnen sich die Türen. Und in vielen Supermärkten geschieht das automatisch, ohne eigenes Zutun. Das ist schon ein großer Unterschied zum Betreten einer Kirche, in der ich selbstständig die Tür öffnen muss. Oder aber jemand anderes, der vor mir die Tür geöffnet hat. Meist bleibt sie dann auch während des ganzen Gottesdienstes geöffnet, denn der letzte war der höflichen Meinung, nach ihm käme noch jemand und es wäre gut, wenn er nicht die schwere Tür öffnen müsste. So kommt es vor, dass diese auch im Winter für eine frostige Atmosphäre unter den Gläubigen sorgt. Aber wieder zurück zur Liturgie des Supermarktes:

Ich nehme meinen Pfand erworbenen Einkaufswagen und betrete die hell erleuchtete Halle und schaue mir die heutige liturgische Ordnung an, die auf Hochglanzpapier näher die Highlights der Liturgie präsentiert: die Sonderangebote der Woche. So hasste ich mehr oder weniger schnell vom Regal zu Regal und mein Wagen füllt sich mit Dingen, die eigentlich gar nicht auf meiner Einkaufsliste stehen, die aber im Gloria und Credo des Marktes aufgelistet sind und mir ihre Befriedigung meiner Bedürfnissen versprechen. Die Liturgie näherte sich ihrem Höhepunkt und gleichzeitig ihrem Ende: mit prall gefülltem Einkaufskorb warte ich an der Kasse und meditiere ein wenig über die Waren der anderen und des noch potenten Portmonees. Und wenn ich denn offengelegt habe, was mein Begehren ist, indem ich alle Waren aus meinem Korb auf das Band gelegt habe, und wenn mich dann die Kassiererin nach meinem „Amen“ fragt: „Waren sie zufrieden mit ihrem Einkauf?“ Dann zücke ich meine ec-Karte und vollende brav die Kommunion mit der Eingabe meiner Geheimnummer. Sind die Waren im Auto verstaut, bringe ich den Einkaufswagen zurück und erhalte den Pfand, dann kann ich zufrieden sein, dem heutigen Markt ausreichend gehuldigt zu haben. Dann fahre ich die schlussendlich nach Hause und hoffe, dass die Familie zufrieden ist und meine Frau den Kasten Bier nicht sogleich entdeckt.

Wie sieht das aber jetzt mit der Liturgie in der Kirche aus? Ich komme in einen großen schwach erleuchteten Raum, denn außer den Kerzen hat der Küster nur wenige Lampen angemacht. Und ich seufze wieder innerlich und denke nur: vielleicht ist es ja nicht nur der Sparzwang des Pfarrers, es kann ja sein, dass es eine neue liturgische Bewegung gibt: zurück zum Schummerlicht der Katakomben. Dann setzte ich mich in eine Bankreihe möglichst weit hinten und meditiere ein wenig über den leeren Bänke vor mir: wo denn die ganzen Leute sind und dass die Kirche ja eh immer leerer wird.

Dann ertönt plötzlich eine Glocke, ohrenbetäubender Lärm setzt ein. Meine Nachbarin trötet mir voller Inbrunst: “Ein Haus voll Glorie schauet” ins Ohr. Dem Küster ist eingefallen, dass es da noch einige Lichtschalter gibt. Und vorne, wo der Priester gerade an den Altar tritt, wird es ein bisschen heller. Dann ist das Lied zu Ende und der Priester erzählt mir den Ablauf der heutigen Liturgie, indem er schon einmal das Evangelium vorerzählt, was wir dann später hören werden. [Im übrigen ein wunderschöner Satz: ‚Im heutigen Evangelium hören wir …‘] Manchmal kann man sich auch wundern, dass eben doch nicht kommt, was angekündigt worden ist …

Nach dem Evangelium dann der erneute Absturz: “Im heutigen Evangelium haben wir gehört …” Hilft nichts, da kann man nur ein Nickerchen machen. Dann steuert die Liturgie unweigerlich ihrem Höhepunkt entgegen. Nur dass ich hier vor der Kommunion zur Kasse gebeten werde. Nach der Kommunion endlich ein wenig Stille. Nur den Organisten hört man polternd zur Orgel hasten. Dann trötet bereits meine Nachbarin mir wieder lautstark ins Ohr: “Rosenkranzkönigin, Mutter du Reine …” Der Pfarrer geht zum Altar und Kuss und Schluss. Alles strömt dem Ausgang entgegen und zerrt am Nachbarn. Wenn der nicht schnell genug ist: “Wollen sie in der Kirche übernachten?” Die Orgel explodiert gleich, wenn nicht vorher der Organist. Draußen: Frischluft!!! Hat man dann endlich heimatliche Gefilde erreicht: Erstmal ein Bier, falls die Frau es nicht entdeckt hat.

Advertisements

2 Kommentare zu „Konsum oder die Götter des Kapitalismus“

  1. Sehr schön, ich würds gern mal live hören…

    Im Übrigen werd ich deiner Frau mal stecken, dass du beim Einkauf immer ne Kiste Bier mitbringst 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s