Wie schön leuchtet der Morgenstern

Gemeindelieder, neue geistliche Lieder, Volkslieder und auch chorsynphonisches Liedgut haben schon immer mein Leben geprägt. Deshalb möchte ich auch einige Gedanken zu Liedern, die mir etwas bedeuten hier vermitteln. Eines meiner Lieblingslieder. Es findet sich im „Gotteslob“ unter der Nummer 554. Nicht nur in der Adventszeit kann man es singen, siehe J. S. Bach (am Ende des Artikels).

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern,
voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn
uns herrlich aufgegangen.
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,
mein König und mein Bräutigam,
du hältst mein Herz gefangen.
Lieblich freundlich, schön und prächtig,
groß und mächtig, reich an Gaben,
hoch und wunderbar erhaben.

Philipp Nicolai, ein lutherischer Pfarrer, schreibt während einer fürchterlichen Pestepidemie ein Andachtsbüchlein: „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ (1599). Er beschließt das Buch mit 3 Liedern, von denen zwei auch ins „Gotteslob“ aufgenommen wurden. Das andere findet sich unter GL 110 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Beide Lieder fanden im evangelischen Kirchengesang starke Verbreitung und sind schon im 17. Jahrhundert auch in katholischen Gesangsbüchern abgedruckt. Es existieren verschiedenste Textfassungen, die versuchen, die vom Hohelied her geprägte Sprache zu temperieren und zeitgemäß zu „übersetzen“. Das ist mal mehr mal weniger gelungen. Mit der „Gotteslob“-Fassung ist, meiner Meinung, eine sich an die  Intenstion [Red.: aufgrund eines Hinweises geändert] der Urfassung haltende Variante gefunden, die jedoch allzu unverständliche Sprachmuster beseitigt. Evangelische Gesangbücher sind da wesentlich konservativer.

2. Du meine Perl, du werte Kron,
wahr‘ Gottes und Marien Sohn,
ein König hochgeboren!
Mein Kleinod du, mein Preis und Ruhm,
dein ewig Evangelium,
das hab ich mir erkoren.
Herr, dich such ich. Hosianna.
Himmlisch Manna, das wir essen,
deiner kann ich nicht vergessen.

Thema des Liedes ist die Hochzeit des Königs. Die Bilder, auf die das Lied anspielt, finden sich im Psalm 45, im Hohelied, in den Textpassagen des Neuen Testaments, in denen vom Königreich Gottes die Rede ist und vom Bräutigam Jesus Christ, und last but not least: in der Offenbarung des Johannes.

Im Fokus ist dabei stets die Verbindung des Einzelnen und der Kirche mit Christus. Darf man das Wort Erotik in dem Zusammenhang in den Mund nehmen? Die mittelalterliche Mystik war da wesentlich freier als die zimperlichen Hosenmaler heute, die das „Weltbild“ ohne Erotik geprägt wissen wollen. [By the way: Das war nur der fadenscheinliche Grund einen bankrotten und von der Seite unliebsamen Büchervertrieb loszuwerden.] Doch zurück zum Text: Die Brautwerbung ist seit der Minne und schon weit davor eine hocherotische Sache. Diese Symbolik – verweisend auch auf Bernhard von Clairvaux – hat großen Einfluss auf die freizügige barocke Brautmystik.

Weil die Freude am Glauben durch die Pietisten und die Biedermeierzeit weitgehend internalisiert wurde, bleiben uns diese Bilder heute sehr fremd. Lust ist eben eine verbotene Vokabel im Glaubensalphabet. Weil aber all dieses eben nicht mehr aus diesem Lied herausgehört wird, kann man es einer Gemeinde durchaus zumuten, es als ein Lied zur Anbetung und zum Lob zu singen in liebender Vereinigung mit Christus.

3. Gieß sehr tief in mein Herz hinein,
du leuchtend Kleinod, edler Stein,
die Flamme deiner Liebe
und gib, daß ich an deinem Leib,
dem auserwählten Weinstock, bleib
ein Zweig in frischem Triebe.
Nach dir steht mir mein Gemüte,
ewge Güte, bis es findet
dich, des Liebe mich entzündet.

Viele Bilder werden hier verwendet. Sie entstammen größtenteils aus dem Bereich der Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Christus ist der „königliche Bräutigam“ (Str. 1), den wir suchen und nicht vergessen können (Str. 2) – vgl. Hhl 3 -, der uns freundlich anblickt und in die Arme nimmt (Str. 4) – erinnert mich an Ps 103,13 „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt …“ -, dem wir angetraut sind (Str. 5), mit dem wir in Liebe durchs Leben gehn (Str. 6), der unser Bruder und Freund ist, ganz UNSER, als Anfang und Ende (Str. 7). Welch gewaltiger Bilderkosmos der Bibel tut sich hier auf. Nicolai sagt selber, dass er bei der Verfassung des Liedes so „erfüllet gewesen sei mit einem Vorgeschmack des ewigen Lebens und einer Süßigkeit von den Kräften der zukünftigen Welt, dass er der ordentlichen Mahlzeit darüber vergessen [habe].“ (in: Theoria vitae aeternae, Hamburg 1707)

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein,
wenn du mich mit den Augen dein
gar freundlich tust anblicken.
Herr Jesu, du mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich freundlich in dein Arme
und erbarme dich in Gnaden.
Auf dein Wort komm ich geladen.

Weitere Bilder: Jesus wird besungen als das Kostbarste, was ein Mensch je besitzen kann (Perle, Krone, Kleinod, Edelstein). Wir sollen ihm verbunden bleiben wie die Reben am Weinstock. Er ist unser König und Gastgeber, der uns zum rauschenden Festmahl einlädt, das nicht nur unseren leiblichen Hunger stillt. Letzteres Bild erinnert mich sehr stark an das expressive Bild von Jesaja: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen.“ (Jes 25,6)

5. Herr Gott Vater, mein starker Held,
du hast mich ewig vor der Welt
in deinem Sohn geliebet.
Er hat mich ganz sich angetraut,
er ist nun mein, ich seine Braut;
drum mich auch nichts betrübet.
Eja, eja, himmlisch Leben
wird er geben mir dort oben.
Ewig soll mein Herz ihn loben.

6. Stimmt die Saiten der Kitara
und laßt die süße Music
ganz freudenreich erschallen,
daß ich möge mit Jesus Christ,
der meines Herzens Bräutgam ist,
in steter Liebe wallen.
Singet, springet, jubilieret,
triumphieret, dankt dem Herren.
Groß ist der König der Ehren.

Und dieses Bild vom Festmahl soll alle Sinne erregen: Herrliches gibt es zu sehen, Köstliches kannst du schmecken und fühlen. Du bist aber selbst mit deinem Leib aufgerufen, in die Saiten zu greifen, in die Hände zu klatschen (Str. 7, vgl. Ps 47,2: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!“) und zu tanzen vor Freude (Str. 6). Auch Jesus hat gerne gefeiert und in vielen Bildern transportiert er uns dieses Bild vom himmlischen Festmahl.

7. Wie bin ich doch so herzlich froh,
daß mein nun ist das A und O,
der Anfang und das Ende.
Er wird mich doch zu seinem Preis
aufnehmen in das Paradeis.
des schlag ich in die Hände.
Amen, Amen, komm, du schöne
Freudenkrone, säum nicht lange.
Deiner wart ich mit Verlangen.

J. S. Bach hat dieses Lied als Choralkantate ausgeformt. Er komponierte es zum Fest Mariä Verkündigung (25. März) 1725. Der unbekannte Textdichter hat die 1. und 7. Strophe im Wortlaut übernommen, die anderen dichtete er zu Rezitativen und Arien um. Hier nun der Eingangschor mit der ersten Strophe.

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4 Kommentare zu „Wie schön leuchtet der Morgenstern“

    1. Naja, mir fallen da … hm, also richtige Sammlungen … Da gibt es noch das Chorbuch zum Gotteslob. Im Englischen: The Common Book of Prayer. Obwohl das wohl mehr ist als eine Choralsammlung. Ein ziemlich gutes, vor allem gut sortiertes NGL-Buch ist das „Benediktbeurer Liederbuch: God for You(th)“, in dem sind die Lieder nach Kirchenjahr, nach Gebrauch im Gottesdienst, Tagzeiten, Psalmen und verschiedenen Themen geordnet. Es sind auch recht viele mehrstimmige Lieder darin enthalten. Mein (un)heimlicher Favorit jedoch ist eine Internetseite: Choral Public Domain Library [CPDL] (seit 2005 nennt die Seite sich jedoch schlicht: ChoralWiki). Es ist ein gigantisches Sammelsurium vor allem klassischer (Chor)Musik. Noten in capella, sibelius, finale u.v.a. und auch pdf-, midi-files, mp3-s, mit Verweisen auf externe Seiten. Da stöber ich gerne mal, wenn ich Noten und Texte suche. Und das Gute ist: It’s for free.

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