Es ist ein Ros entsprungen

Kirchenlieder sind wie Volkslieder – zumal wenn sie etwas älteren Datums sind – immer der textlichen und desöfteren auch der melodiösen Veränderung unterworfen. Das Lied steht im Gotteslob – GL 132/133. Die Melodie ist aus dem Speyerer Gesangbuch, Köln 1599.

Es ist gar nicht so einfach eine Fassung zu finden, die den gleichen Text verwendet wie das Gotteslob. Und unter youtube ist auch nicht der erste Treffer der beste, wenn man nach der berühmten Fassung von Michael Prätorius sucht. Die Konfusion über den Text ergibt sich schon aus der Rezeption der Quelle. Das Kirchenlied ist erst seit dem 19. Jahrhundert populär und somit kanonisch in katholischen wie auch evangelischen Gesangbüchern. Es ist jedoch wesentlich älter. Die zweitälteste gedruckte Schrift weist dieses Lied als „Das Alt Catholisch Trierisch Christliedlein“ aus, im Mainzer Cantual von 1605. Verschiedene jüngere Schriften dehnen dieses Lied zur ganzen Weihnachtsgeschichte aus, mit bis zu 26 Strophen!!! 1957 entdeckt man das Lied in einem Gebetbüchlein aus Mainz, das dort den Besitzvermerk „Liber Cartusiae Trevirensis“ trägt. Im Gotteslob wird 1587/88 als Entstehungsjahr angegeben. Der Textdichter ist unbekannt. Michael Prätorius war von dem Liedlein sehr angetan und vertonte 1610 die ersten beiden Originalstrophen. Dabei glaubte er, eine evangelische Fassung der zweiten Strophe anfertigen zu müssen, und verfehlte somit die Auflösung des Rätsels, wie es die Kirchenväter in der Jesajaexegese immer wieder sahen.

1. Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

2. Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
ist Maria die reine,
die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
und blieb ein reine Magd.

Das Gotteslob verstärkt die dogmatische Position auf die Jungfrauengeburt, indem „ein“ mit „doch“ vertauscht wird. Prätorius ändert 2. in folgende Version:

2. Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie die reine Magd.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.

Man bemerke hierbei die Dopplung der letzten Zeile in der 1. und 2. Strophe. Das veranlasste manche Spezialisten dieses zu glätten und eine ebenfalls recht alte Textvariante zu verwenden:

welches uns selig macht.

Das Gotteslob bietet uns eine ökumenische Fassung an, die ebenfalls diese Variante bedient, aber dem Originaltext folgt und das Rätsel richtig auflöst:

2. Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
ist Maria die reine,
die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
welches uns selig macht.

Diesen beiden Strophen liegt ein biblisches Rätsel zugrunde. Im Jesjajabuch lesen wir: „… aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jes 11,1) Die erste Strophe gibt uns das Marienrätsel vor: Wer ist im mittelalterliche Bilderzyklus der Ros(enstock), der nach alter Überlieferung  der Wurzel Jesse (=Isai) entsprang? Und die 2. Stophe löst auf, wie es auch die Kirchenväter getan haben: Das Röslein (i.e. Rosenstöcklein) das ich meine (zugleich auch „minne“) ist Maria. Das Blümlein, die Rose, das sie uns hat gebracht hat, ist Jesus. Schon ein Jahr nach Veröffentlichung des Prätoriussatzes (1843 durch Carl von Winterfeld) hat Friedrich Layritz das Lied um 3 Strophen erweitert. Die erste dieser angehängten Strophen ist unsere heutige dritte, die perfekt die beiden Strophen ergänzt und in der Bedeutung weiterführt. Das Lied bleibt nicht beim Verweis auf die Jungfrauenschaft Marias stehen und bei der Geburt des Kindes. Die dritte Strophe betont eindeutig die Herkunft des Kindes, der Rose: „wahr Mensch und wahrer Gott“. Maria wird so als Gottesgebärerin ausgewiesen und als Mutter des Erlösers. Denn dazu ist Gott in Jesus Mensch geworden, damit die Welt durch ihn gerettet wird.

3. Das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt’s die Finsternis:
Wahr‘ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd und Tod.

Die Mainzer. Und wenn sie nicht eingeschlafen sind, finden sie nach den Retardandi am Ende jeder Strophe noch gemeinsam den Schlusston. Es kann sein, dass die Akustik des Mainzer Domes es nicht hergibt schneller zu singen, besser aber auf alle Fälle: Es mangelt an gemeinsamen t- und s-Absprachen. Allerdings bringt uns dieses Beispiel eine andere katholische Textvariante in der 2. Strophe:

„Maria ist’s die Reine“

Es kann schon ganz schön verwirrend sein, was man an Weihnachtsbräuchen etc. im Netz so findet. Auf eine besondere Art ist es die Kombination dieses Liedes mit russischen Weihnachtsbräuchen, die auch wohl in Kirchgemeinden gefeiert werden. Väterchen Frost – in blauem oder violetten Mantel – grüßt einen Metropoliten, Snegurotschka – Schneeflöckchen – darf auch nicht fehlen … Naja: Andere Städtchen, andere Mädchen (die polnische Variante für: Andere Länder, andere Sitten).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s