„Religionen sind zu schonen“

So textet der Popsänger Herbert Grönemeyer. Und es geht weiter: „Sie sind für Moral gemacht“. Eine ziemlich einseitige Betrachtung der Religion. Umfangreich handelt Thorsten Beermann in seinen adventlichen Traktaten über die Religion auch im dritten Teil „Religiöse Werte und gute Werke“ ab.

Dabei geht er davon aus, dass Religion keine „Quelle der Moral“ sei und „nur ohnehin Essenzielles aufgenommen und eventuell umformuliert hat“. Die Formulierung ist nicht ganz glücklich, lässt aber den gesamten Text im richtigen Licht scheinen: äußerst diffus und nebelig, viel mit Allgemeinplätzen und unscharfen Formulierungen unterlegt, polemisch. Die Frage, die sich mir bei obiger Aussage stellt: Von wem soll Religion etwas abgekupfert haben? Welche Religion ist hier überhaupt gemeint? Die der Hebräer, die mit Mose aus Ägypten geflohen sind? Die derjenigen, die in der Wüste die sog. 10 Gebote erhalten haben? Oder doch eine andere Religion, die der Assyrer oder …? Gehen wir mal vom Kontext aus und der Verfasser meint die „Israeliten“. Dann gehen wir weiter davon aus, wie der Autor schreibt: „Wie bereits im ersten Teil der Reihe beschrieben, sind religiöse Mythen auf die Gesellschaft und die Lebensumstände, unter denen sie geschaffen werden, zugeschnitten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie unter anderen Bedingungen nur noch eingeschränkt anwendbar sind und funktionieren.“ Der Umkehrschluss ist falsch, wenn man sie auf die 10 Gebote anwendet. Die Gesetzestafel des Hammurapi ist da ganz anders. Es sind keine Sätze, die sich mit Moral als Grundlage menschlichen Zusammenlebens beschäftigen, sondern es ist eine Gesetzestafel, die Streitfälle aus dem Alltag normativ regelt. Während das eine also eine allgemeine moralische Werteordnung sein will, ist der Codex Hammurapi, der wahrscheinlich nie so angewendet wurde, eine Sammlung von Gesetzen. Die Werte der 10 Gebote haben die Jurisdiktion über die Jahrtausende beeinflusst, nicht umgekehrt!!!

Der Verfasser schrickt auch nicht vor solchen Allgemeinplätzchen zurück: „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“ Das ist ganau so ein Blödsinn, wie der Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Ein sehr populärer Satz, der aber an sich nicht funktioniert. Das Leben straft nicht, denn dann wäre es eine Person. Allerdings die Erfahrung, die hier im Kontext gemeint ist: „Schau dem Volk auf’s Maul“ (Luther) kann man wie folgt erweitern: „sonst haut es dich auf’s selbige.“ Natürlich muss man mit der Zeit gehen, das haben sich schon viele Reaktionäre gesagt. Die Fortschrittlichen waren ihrer Zeit meist sehr weit voraus. Und die Utopisten unter ihnen meinten gar, es könnte einen kommunistischen Wohlfahrtsstaat geben, der das Paradies auf Erden einrichtet. Dieser Illusion geben sich ja noch nicht einmal die Christen hin, obwohl sie davon ausgehen, dass es ansatzweise möglich ist, das Himmelreich auf Erden sichtbar werden zu lassen, indem sie moralisch nach den christlich-jüdischen Werten leben.

Thorsten Beermann schreibt weiter, dass „die Urheber der Mythen ihre Inhalte mit guten Absichten verfasst haben und nur das Beste für ihre Gesellschaften wollten. Gleichzeitig muss man sich aber auch klar machen, dass sich diese Autoren auf dem intellektuellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Stand der Bronzezeit bis zur Antike befinden.“ Letzteres ist so polemisch, wie es durchaus der Geschichtsverzerrung atheistischer Propaganda gleichkommt. Das Schema ist folgendes: Alles was alt ist, ist schlecht, allein der „Fortschritt“ ist gut. Dabei vergisst der Autor, dass es keinen radikalen Schnitt zwischen den Zeitaltern gibt. Vielmehr sind es 1. willkürliche Festlegungen, wenn wir von Stein-, Bronze-, Eisenzeit, Antike, Mittelalter, Neuzeit, Moderne oder Postmoderne sprechen und 2. baut jegliche moderne Geschichts- oder Wissenschaftsauffassung auf Erfahrungen und Erkenntnissen archaischer und antiker Zeiten auf, so dass diese auch heute noch in den Schulen gelehrt werden.

Philosophie – die Mutter aller Wissenschaften – beginnt auch nicht erst in der Antike, sondern schon zu den Zeiten, wo der Mensch angefangen hat zu fragen, was mit der Welt ist, mit ihm selbst und ob es noch etwas oder irgend wen darüber hinaus gibt. Und MYTHEN sind nicht nur religiöser Natur. Ein Mythos ist generell eine Erzählung, welche die Fragen nach dem Selbst und der Kultur, der Gesellschaft und der Welt erklären sollen. Die Sophisten lehnten dann diese Mythen ab, weil sie die Welt vom Logos her erklären wollten und die rationale Erklärung der Welt in den Vordergrund rückten. Die Moderne brachte aber wieder Philosophen hervor, die die Bedeutung der Mythen der Völker, Kulturen und Religionen im Lauf der Geschichte nicht als etwas Hemmendes ansehen. Nur die Atheisten verbleiben gößtenteils bei dieser Hypothese, denn sie entspricht sehr gut dem Grunddogma des Atheismus: „Ohne Atheismus keine Wissenschaft“ (Atheismus und Wissenschaft).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s