11 Uhr – Erfurt

Heute um diese Zeit haben in Erfurt alle Kirchenglocken geläutet. Vor zehn Jahren betrat Robert Steinhäuser wahrscheinlich gegen 10.45 Uhr das Gutenberggymnasium. Der Tathergang des später als „Amoklaufs von Erfurt“ bekannt gewordenen Massakers ist hinreichend beschrieben und dokumentiert worden. Ich selbst habe eine voll Trauer, Wut und Angst gelähmte Stadt erlebt, die in großen Lettern immer wieder die Frage schreibt: „Warum?“ Viele Blumenkränze und Plakate vor der Schule und in den Kirchen Erfurts waren Zeugen dafür. Es ist nicht vergessen.

Zwei Jahre nach der Tat entstand der Dokumentarfilm, auf den ich heute gestoßen bin. Im Beitext heißt es:

„Der von der Schule verwiesene Amokschütze Robert Steinhäuser erschoss damals, am 26. April 2002, 16 Menschen, bevor er sich schließlich selbst tötete. Es war ein Amoklauf „nach amerikanischem Vorbild“, den in Deutschland keiner für möglich halten wollte. Die Tat hätte sich in jeder deutschen Stadt ereignen können. Dass es in Erfurt geschah, ist für die Angehörigen der Opfer und des Täters eine grausame Tragödie. Die beiden Dokumentarfilmer verzichteten bewusst auf zusätzliche filmische Mittel, wie etwa Musik. „Keinerlei Effekte, kein ästhetischer Schnickschnack, keine Pseudo-Emotionalisierung“, schrieben sie im Februar diesen Jahres. „Die geführten Gespräche erschienen uns in ihrer Aussagekraft und Emotionalität dicht genug, um sie allein für sich, ohne jegliche Kommentierung durch uns, und möglichst unaufdringlich montiert sprechen zu lassen.“ Den Filmemachern Schnadt und Beulich ist im Ganzen ein Film gelungen, der zahlreiche Hinweise auf die gesellschaftlichen Ursachen der Tat von Robert Steinhäuser liefert. Der Film lässt Lehrer, Mitschüler, Angehörige der Opfer und auch zum ersten Mal die Eltern und den Bruder von Robert Steinhäuser sprechen.“ (Der Amoklauf des Robert Steinhäuser)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und wer sich (stückchenweise) bis hier her durchgearbeitet hat, wird vielleicht ein bisschen mitfühlen können, was die betroffenen Menschen bewegt und worunter sie heute immer noch leiden. Es ist aber auch wichtig, dass Schüler immer wieder davon erfahren, auch diejenigen, die nach 10 Jahren die Schulen bevölkern, und dieses Ereignis nur aus den Medien und den Erzählungen kennen.

Ich schreibe dies, nicht damit es sich nicht wiederholen soll, denn es ist ja bereits wieder passiert und das Potential ist heute noch genau so vorhanden und nicht geringer geworden, nein, ich poste diesen Artikel, weil ich der Meinung bin, dass weder Gesellschaft noch Schule daran etwas ändern können, sondern dass sich etwas ändert, wenn ich bei mir anfange. Wie das auch der Betroffene Eric T. Lang erkannt hat.

Als ebenso wichtige Instanz sehe ich die Familie an. Trotz der harten Realität der Arbeitswelt heute und der ganzen Zwänge. Dabei sind immanent wichtig die ersten Lebensjahre. Was die Eltern vor der Schulzeit (vor dem Kindergartenalter möchte ich fast meinen) versäumt haben an Erziehung (an wirklicher Erziehung), dass bemühen sich die Lehrer vergebens, den Schülern beizubringen. Ja, ich denke sogar, die Schule kann die Kinder/ Jugendliche nicht auf das Leben vorbereiten, wenn da die Eltern nicht schon einen entscheidenden Grundstein gelegt haben.

Auf der anderen Seite sollten weder Staat noch Schule den Eltern Steine in den Weg legen, wie auch umgekehrt. Das was man Elternabend nennt, ist nämlich manchmal ganz etwas anderes: Ein Schlachtefest voll Dekadenz auf beiden Seiten. Der pubertierende Jugendliche dazwischen mit seiner mangelnden Motivation, seiner Suche nach sich selbst und seinem Platz in dieser Welt. Manchmal heillos überfordert, weil die Eltern ihn mit den besten Absichten in die falsche Schule geschickt haben. Allein gelassen sich fühlend, weil niemand ihm helfen kann mit seinen Pickeln und kochenden Hormonen umzugehen, dazu all dieser Frust in der Schule und die drohende Langeweile.

Was tun wir? Wir denken nach über die Änderung des … Waffengesetzes. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer in die falsche Richtung. Völlig von der Schule genervt sagte schon Seneca: non vitae, sed scholae discimus (nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir). Die Pädagogen haben den Satz dann mit erhobenen Zeigefinger umgekehrt.

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