Alle oder viele

Während der römisch-katholische Ritus und auch der lutherische Ritus der Abendmahlsfeier in den Wandlungs- oder Konsekrationsworten die Realpräsenz Jesus hergestellt sehen, also die Worte konsekrativen Charakter tragen, ist das durchaus nicht im Verständnis aller christlichen Konfessionen so verankert. Selbst innerhalb der römisch-katholischen Kirche gibt es einen Ritus, der von Rom approbiert, gar keine Einsetzungsworte kennt (Anaphora der Apostel Addai und Mari, die in der Assyrischen Kirche des Ostens verwendet wird). Die orthodoxen Kirchen sehen die Wandlung durch die Epiklese vollzogen, einige orthodoxe Richtungen erkennen die Wandlung im gesamten Hochgebet und legen die Bedeutung auf das Amen.

Die Diskussion um die rechte Übersetzung der Worte „pro multis“ ist der Anfang eines neuen „Rubrizismus“, wenn man so will. ES GIBT KEINEN EINHEITSRITUS IN DER KIRCHE JESU CHRISTI. Wann lernen die Fundis und Traditionalisten diese Lektion. NIE – bin ich geneigt zu behaupten. Es gab schon in der frühen Kirche verschiedene Riten, die gleichberechtigt nebeneinander existierten: „Einheit in Vielfalt“ war das Motto. Aber seit der Vergötterung der Missa Tridentina von der lateinischen Kirche herrscht ein Rubrizismus, der seines Gleichen sucht.

Jetzt aber mal zur Bibel. Die Einsetzungsworte, die in der lateinischen Kirche benutzt werden, gehen auf die Synopse der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas sowie Paulus im 1. Brief an die Korinther zurück. Und da lesen wir folgendes:

Matthäus 26 Markus 14 Lukas 22 Paulus 1Kor 11
26 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: 22 Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. 16 Denn ich sage euch: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, 24 sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte:
Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes. 17 Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: 18 Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt.
19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten:
Nehmt und esst; das ist mein Leib. Nehmt, das ist mein Leib. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: 23 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. 24 Und er sagte zu ihnen: 20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: 25 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach:
Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander! Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Was fällt auch den Nicht-Theologen auf? Genau: Johannes kennt diese ganze Geschichte nicht. Und ein Zweites: Lukas und Paulus sprechen nur die anwesende Gemeinde an und kennen damit dieses ganze Problem nicht. Das Dritte: Matthäus ist die Vorlage für das Messbuch. Warum? Die Begründung möchte ich gern mal kennenlernen. Und Markus hält sich aus allem raus. Nach ihm haben die Jünger bereits getrunken, als er die Worte über den Kelch spricht. Das finde ich wiederum interessant.

Überdies müsste – wenn es nach Matthäus geht – folgendes im Messbuch gestrichen werden: „neuen und ewigen“. Auch wenn das der Intention des Bundes Gottes mit den Menschen entspricht, wie auch Lukas und Paulus das noch einmal unterstreichen. Nun entspricht es auch der Intention von πολλῶν bei Matthäus und Markus, dass dieses „Viele“ für „Alle“ steht, die  Jesaja meint: “ Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.“ (Jes 53,5.6)

Wer’s philosophisch mag, darf am Thema für meinen Geschmack auch ein bisschen vorbeischrammen bei JoBo: „Alle und viele„. Bei den Worten: „Die Vereinnahmung „aller“ in den Wandlungsworten widerspräche schlicht der Sachlage, nach der es Menschen gibt, die – aus für sie guten Gründen – nicht an den Tisch des Herrn treten, ohne dass sie grundsätzlich ausgeschlossen wären.“ und den weiteren Textzitaten aus dem Brief des Papstes, zeigt sich die ganze Verwirrung, die solch eine Diskussion über eine Marginalie auslösen kann. Natürlich bleiben “ ‚alle‘ und ‚viele‘ im Glauben verbunden“, wie JoBo schreibt.

Jesus ist das Heil der Welt. DER WELT. Das hat nichts mit Heilsautomatismus zu tun, wie der Predigtgärtner meint (Einsetzungsworte – Der Papst bittet die deutschen Bischöfe „dringendst“: Kümmert euch endlich um das „für viele“…!), auch wenn – wie er befürchtet – die Gefahr dazu besteht. Weiter schreibt er: „Doch längst herrscht inzwischen weitgehende Einigkeit unter Exegeten darüber, dass die Formulierung „für viele“ den tatsächlichen Worten Jesu entspricht.“ Nun ja, mit vielen Fragezeichen (siehe die Synopse oben).

Liebe Christenmenschen! Da spielt keine Disponierung zum Abendmahl eine Rolle. Da geht es eigentlich nicht einmal um den Empfang. Sondern es geht generell um das Opfer Christi und seine Bedeutung. Jesus ist für die Schöpfung des Vaters gestorben und auferstanden. FÜR ALLE und ALLES. Auch wenn er „pro nobis“ diese Tat vollbracht hat. Es geht hier nicht um irgendwelche Exklusivrechte der Christen. Gottes Sohn kam nicht auf die Welt, um „die Kirche zu erlösen, aus der Macht des Bösen“. Das ist eine Bitte, die GL 634 in der 6. Strophe an die Zukunft richtet.

Noch einmal zum Hochgebet: Wenn ich mir den „Römischen Messkanon“ anschaue, wird mir manches klarer: „Wir bringen sie dar vor allem für deine heilige katholische Kirche, in Gemeinschaft …“ Da wird von „Schar der Erwählten“ gesprochen. Das Heil für die ganze Welt spielt keine Rolle. Ganz anders das dritte Hochgebet: Dort wird es zumindest in eine Fürbitte gekleidet: „Barmherziger Gott, wir bitten dich: Dieses Opfer unserer Versöhnung bringe der ganzen Welt Frieden und Heil. Beschütze deine Kirche …“ Auch wenn hier von „uns“ und „der Welt“ die Rede ist, klingt der weitmachende Charakter der Erlösungstat Christi an. Wie lautet denn der Auftrag der Christenmenschen? „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15) oder: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21)

Ergänzung (7.5.2012): Ein interessanter Artikel bei Wikipedia, der sich mit der ganzen Problematik beschäftigt und meiner Meinung sogar auf dem neuesten Stand ist: Konsekration. Er arbeitet noch ein bisschen exakter als ich die Bedeutung der Transsubstantiationslehre heraus.

Und hier noch einmal der Knoten, den ich mit Matthäus als Urheber der Wandlungsworte habe: Wenn er wirklich der Apostel ist und sein Evangelium der Tradition nach ursprünglich hebräisch abgefasst hat, für gläubige Juden, dann ist es sinnlos, nach einer Logienquelle Q zu forschen, dann wäre Matthäus die Quelle. Nun haben wir aber keine hebräischen Originale, sondern nur griechische Übersetzungen und Abschriften, noch nicht einmal hebräische Abschriften. Außerdem hat Matthäus bekanntlich bei Markus abgeschrieben. Das würde die Quelle nicht brauchen.

Deshalb erachte ich es als marginal und „rubrizistisch“, nach dem genauen Wortlaut Jesu zu forschen und sehe die Intention als das Wichtigste an. Und da gehe ich eher mit denen konform, die meinen, es geht auf die Bedeutung aus: Jes 53 (siehe oben), als mich einer allzu konstruierten Auslegung des genauen Wortlautes Jesu hinzugeben. Außerdem verweise ich noch einmal auf den Sendungsauftag Jesu an seine Jünger.

Das berührt nicht die Einsetzung des Abendmahles durch Jesus und auch nicht die Realpräsens oder Transsubstantiation. Das ist unbestritten das, was Jesus meint: Er ist wirklich in Fleisch und Blut als wahre Opfergabe in Brot und Wein anwesend. Markus, Matthäus, Lukas und Paulus sind sich da völlig einig. Das ist das Mysterium des Glaubens. Darauf kann ich nur antworten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir; deine Auferstehung preisen wir; deine Wiederkunft erwarten wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

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8 Kommentare zu „Alle oder viele“

  1. Interessanter Post, danke!

    Wenn das allerdings, wie du schreibst, eine marginale Frage ist, wie erklärst du dir, daß es Benedikt XVI. so wichtig ist, daß er einen derart langen Brief an die Bischöfe schreibt. Und die Aufforderung selbst, bei neuen Textausgaben „für viele“ zu schreiben ist ja auch nicht wirklich neueren Datums.

    1. Theologen haben sich immer schon ernsthaft mit Marginalien beschäftigt, auch Päpste. Die berühmte Frage, wieviele Engel auf eine Nadelspitze passen würden, ist keine Urban Legend, ebenso die Frage, wie man mit Ketzern verfahren soll …
      Die Frage, was Jesus wirklich gesagt hat, beschäftigt den Papst, weil er ein sehr lesenswertes Buch geschrieben hat und Jesus Christus die Herzmitte unseres Glaubens ist. Es ist aber sicher, dass Jesus mit seinen Jüngern weder Latein noch Griechisch gesprochen hat, also nehmen wir mal an: aramäisch, also in seiner Muttersprache. Das entzieht sich aber meiner Kenntnis, wie der genaue Wortlaut im Aramäischen ist.
      Ich kann es mir eigentlich nur so vorstellen, weshalb diese Worte für den Papst so wichtig sind: Sie betreffen das Zentrum unseres Glaubens. Dennoch: Es lässt sich nicht konstruieren, wie die exakten Worte Jesu lauteten. Auch wenn man Matthäus verwendet, welcher der Tradition nach der Zöllnerapostel sein soll. Das scheint mir auch der Grund zu sein, weshalb die Wandlungsworte auf ihn zurückgehen. Die neuere Forschung wirft aber die Frage auf: Wenn Matthäus der Apostel ist – somit müsste er doch wissen, was Jesus gesagt hat; er müsste die Quelle sein – weshalb hat er von Markus abgeschrieben?
      Nebenbei: die evangelisch-lutherischen Worte über den Kelch gehen auf Paulus zurück und kennen dieses „rubrizistische“ Problem nicht. Ich denke mal, auch Orthodoxe wundern sich sehr über diese Diskussion. Es ist und bleibt letztlich nicht die Frage, was Jesus wirklich gesagt hat, sondern, viel wichtiger, zu welchem Zeitpunkt Konsekration stattfindet.

      1. Ich tue mir gerade schwer, das in einer Weise zu formulieren, die nicht hämisch verstanden werden könnte, aber ich meine die Frage ernst (vgl. hier, letzter Absatz): Wenn das mit der Nadelspitze keine UL ist, dann gibt es also eine Quelle? Ich meine die Frage ernst, weil ich seit ca. 2002 (als ein Professor nach einer solchen fragte) auf der Suche nach einer Quelle bin und bisher keine finden konnte, die nicht nur ein Verweis auf einen Verweis auf einen Verweis, der schließlich im nichts endete, war.

        Wo ich jetzt sowieso schonmal einen Kommentar zu schreiben angefangen habe, mache ich auch nochmal weiter. Für Dich scheint es um die Frage zu gehen, was Jesus selbst gesagt hat. Das ist nach meinem Dafürhalten aber nicht das Interesse des Papstes. Ihm scheint es mir (auf der historischen Ebene) vor allem um den innerbiblischen Bezug zu Jes 53,11f. (wohin der griechische Verweis mit den „vielen“ verlinkt) zu gehen, der bei „für alle“ nicht mehr erkennbar sei. Und auch geht es ihm überhaupt nicht um ein Gegeneinanderausspielen von „für viele“ und „für alle“, weder in die eine noch in die andere Richtung.

        Ob Jesus mit seinen Jüngern Aramäisch gesprochen hat, darüber könnte man streiten. Verkehrssprache in Palästina zur Zeit Jesu war jedenfalls Griechisch, und als Bauhandwerker werden Er und Sein Vater mit Sicherheit auch mal in Sepphoris zu tun gehabt haben, wo sie ohne Griechisch nicht weitergekommen sein werden. Matthäus selbst als Zöllner dürfte des Griechischen auch ganz gut mächtig gewesen sein, und da die Fischer auch nicht „tumbe Baueren“, sondern mittelständische Unternehmer gewesen sein dürften, werden die auch nicht einsprachig gewesen sein.

        Und, wie gesagt, es geht ja nicht darum, was genau Jesus jetzt gesagt hat (und in der „pro multis“-Frage geht es absolut überhaupt und gar nicht um die Frage, wann die Wandlung sich ereignet), sondern was Schrift und Tradition für eine Deutung in die von Ihm selbst hergestellte Verbindung von Letztem Abendmahl und Kreuzestod gelegt haben.

        Daß wir keine aramäischen „Originale“ haben, deutet für mich sehr deutlich daraufhin, daß die Originale bereits in Griechisch verfaßt wurden (was natürlich kein schlagender Beweis ist, siehe Jesus Sirach…). Aber auch diejenigen AT-Zitate, die der Septuagingta entnommen sein müssen, weil die LXX leicht vom hebräischen Text abweicht, diese Abweichung aber für die Verwendung im NT entscheidend ist, sprechen für griechische Originale.

        Aber auch hier gilt: Es geht nicht um die Frage, was ursprünglicher ist (weil eben nicht einfach so gilt ursprünglicher = richtiger). Sondern es geht um die Erkennbarkeit von Bezügen innerhalb der Tradition. Die sind bei den Übersetzungen auch an vielen anderen Stellen verloren gegangen, weil etwa lateinische Mehrdeutigkeiten im Deutschen nicht reproduziert werden können usw. DAS ist die Frage, um die es geht: Verlieren unsere liturgischen Texte (insbesonderen in den wechselnden Texten, in denen sich manchmal ein, zwei Worte auf Latein durchziehen und immer wieder, quasi „blink, blink“ wiederkehren) nicht dadurch, daß sie diese Bezüge in der Übersetzung nicht mehr erkennen lassen? Was jetzt weder heißen soll, daß wir stur auf Latein feiern sollen, noch daß nur die wortgetreue Übersetzung alleinseligmachend ist.

        1. zu Abs. 1) Dass es im konkreten Beispiel doch eine UL sein könnte, gebe ich zu, aber dass in der Kirche schon viel und intensiv über Marginalien disputiert wurde, ist Fakt.

          zu Abs. 2) Jes 53,11 halte ich aber 53,6 entgegen, welches sicher die Auslegung ist, die auch der Papst meint, die er im Brief an die deutschen Bischöfe noch mit ntl. Quellen belegt: Röm 8,32; 2Kor 5,14; 1Tim 2,6. Es geht auch mir – wie dem Papst – nicht um ein entweder-oder. Dennoch sehe ich im Bemühen des Papstes ein Festhalten an der wortgetreuen Übersetzung des Matthäus, weil er für ihn die Grundlage der Hochgebete darstellt, vorrangig deshalb, weil es die Worte Jesu sind. Das ist natürlich ein Traditionsargument:
          „Wenn dies so klar ist, warum steht dann im Eucharistischen Hochgebet „für viele“? Nun, die Kirche hat diese Formulierung aus den Einsetzungsberichten des Neuen Testaments übernommen. Sie sagt so aus Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben. Die Ehrfurcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die Formulierung des Hochgebets. Aber dann fragen wir: Warum hat wohl Jesus selbst es so gesagt? Der eigentliche Grund besteht darin, dass Jesus sich damit als den Gottesknecht von Jes 53 zu erkennen gab, sich als die Gestalt auswies, auf die das Prophetenwort wartete. Ehrfurcht der Kirche vor dem Wort Jesu, Treue Jesu zum Wort der „Schrift“, diese doppelte Treue ist der konkrete Grund für die Formulierung „für viele“. In diese Kette ehrfürchtiger Treue reihen wir uns mit der wörtlichen Übersetzung der Schriftworte ein.“ (OT Brief des Papstes an die DBK)
          Wenn dies so klar ist, warum steht dann nicht im Hochgebet:
          „Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“? Der Zusatz „neuen und ewigen“ vor Bundes ist wiederum eine Interpretation resp. Auslegung in Vermischung mit Luk 22 und 1Kor11.

          zu Abs. 3) Das möchte ich stark bezweifeln, dass Jesus im wichtigsten Augenblick seines Lebens mit seinen Jüngern nicht in seiner Muttersprache geredet haben soll. Alles andere ist zu juridisch gedacht. Selbst Mittelständler heute sind nicht unbedingt einer zweiten Sprache mächtig. Zur Zeit als Französisch in deutschen Landen modern war, haben die Fischer dies auch nicht gesprochen, auch wenn viele Lehnwörter im Deutschen heute davon zeugen. Über den Beruf des Zimmermanns heute und damals müsste man noch einmal gesondert nachdenken.

          zu Abs. 4) Genau das ist der Horizont, in dem der ganze Disput steht: Wortlaut im Original, Übersetzung, Interpretation und Auslegung (Katechese) in der heutigen Welt, damals und in der Tradition. Warum ich aber den Zeitpunkt der Wandlung mit ins Spiel bringe, ist mehr die Frage, ob es notwendig ist, am exakten Wortlaut festzuhalten, wenn doch die Intention (Gottesknecht) außer Frage steht. Für die römisch-katholische Kirche ist es eben notwendig an diesem Wortlaut festzuhalten, nicht nur aus Ehrfurcht vor dem Wort der Hl. Schrift und der Tradition, sondern weil diese Worte die Wandlung vollziehen, der römischen Tradition nach.

          zum letzten Abs.) Auch darüber müsste man noch anderweitig sprechen.

          1. ad1) Auch Marginalien können wichtig sein. Siehe Klosterneuburg 😛

            ad2) In Jes 53 hast du ja genau die Spannung zwischen „für alle“ (er trug die Schuld von allen) und „für viele“ (mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht) wie in den Einsetzungsworten. Was klar ist: Es gibt keine Tradition des „für alle“, obwohl es die griechische Sprache hergegeben hätte. Der Verweis ist vom Wort her auf Jes 53,11f., nicht auf Jes 53,6. Warum? Jedenfalls (ver)stört das „für viele“ mehr als das „für alle“. Steckt in solchen Marginalien nicht vielleicht manchmal etwas (z.B. eine komplexe Tiefe von traditionsgeschichtlichen Bezügen), was man bei allzu schnellem Drüberhinweggehen unter den Tisch fallen läßt?

            Die „Klarheit“ bezieht sich beim Papst auch nicht auf Matthäus allein, er spricht ja selbst davon, daß die Kirche die Formulierung des Hochgebets aus den Einsetzungsberichten (Plural) entnommen habe.

            ad3) Mir ging es nur darum, daß wir keinerlei Wissen über die sprachlichen Gepflogenheiten Jesu haben, unsere Diskussion sich also an die vorhandenen Quellen halten muß — und die sind nun einmal griechisch.

            ad4) Wenn die Wandlung von „für viele“ oder „für alle“ abhängig wäre…

            Die Synopse habe ich jetzt auf meinen Blog gepackt.

  2. So, ich rolle das ganze nochmal von einer anderen Seite auf. Während ich versucht habe, eine Antwort zu schreiben, ist mir nämlich aufgefallen, daß Deine Voraussetzung, Matthäus sei die Vorlage für das Meßbuch, zumindest in dieser Absolutheit gewagt ist. Vielmehr versucht sich das Meßbuch an einer Art Evangelienharmonie, und das vergleichsweise erfolgreich.

    Von den einzelnen Texten aus zum Meßbuch hin gesehen (unter Absehen von der kontextgebundenen Einleitung):
    Matthäus findet sich tatsächlich komplett im Hochgebet wieder.
    Markus ist im selben Umfang wie Matthäus vertreten, hat darüber hinaus den nicht übernommenen Einschub „und sie tranken alle daraus“.
    Lukas ist am stärksten gekürzt, aber dennoch weitgehend im Meßbuch vertreten, es fehlt nur „den Wein und verteilt ihn untereinander“ sowie die eschatologischen Verse 15f und 18.
    Auch Paulus ist komplett drin bis auf den Einschub „sooft ihr daraus trinkt“.

    Aus Sicht des Meßbuchs ist die Dominanz von Mt aber nicht gegeben. Neben den wesentlichen, sich in allen vier Überlieferungen deckenden Stellen wechseln sich die Übernahmen aus der Mt/Mk-Tradition und der Lk/P-Tradition ab. Daneben kennt das Meßbuch (über die Ausschmückungen des ersten Hochgebetes hinaus) noch zwei Einschübe, die aus keiner der vier Traditionen stammen, nämlich das (esst) „alle davon“ sowie gravierender das „und ewigen“ (Bundes), das auf atl Quellen (etwa Jer 32,40) zurückgeht. Die Vermischung ist so komplex, daß sie sich mit einfachen HTML-Mitteln kaum darstellen läßt (ich versuche es unten mal trotzdem, ohne Garantie, daß das klappt und stimmt…).

    Mt hat gegenüber den anderen allenfalls den „Vorsprung“, daß seine Chronologie übernommen wurde, was sich allerdings relativiert, wenn man betrachtet, daß nur Lk eine stärker abweichende Chronologie aufweist.

    Matthäus 26
    Markus 14
    Lukas 22
    Paulus 1Kor 11
    Meßbuch (2. HG)
    Meßbuch (1. HG)

    26 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte:
    22 Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte:
    Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. 16 Denn ich sage euch:
    Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, 24 sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte:
    Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach:
    Am Abend vor seinem Leiden nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände, erhob die Augen zum Himmel, zu dir seinem Vater, dem allmächtigen Gott, sagte dir Lob und Dank, brach das Brot, reichte es seinen Jüngern und sprach:

    Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes. 17 Und er nahm den
    Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: 18 Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich
    Gottes kommt.

    19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten:

    Nehmt und esst; das ist mein Leib.
    Nehmt, das ist mein Leib.
    Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
    Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
    Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.
    Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird,

    27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten:
    23 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. 24 Und er sagte zu ihnen:
    20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte:
    25 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach:
    Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, reichte ihn seinen Jüngern und sprach:

    Ebenso nahm er nach dem Mahl diesen erhabenen Kelchin seine heiligen und ehrwürdigen Hände, sagte dir Lob und Dank, reichte den Kelch seinen Jüngern und sprach:

    Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
    Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.
    Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander!
    Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!
    Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.
    Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.

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