Über das Beten

Fragmente und Nebenbemerkungen scheinen mehr Kommentare auszulösen als lange Artikel. So auch das kurze Fragment, welches ich Anfang des Monats herausgegeben habe („Beten„). Also schreibe ich jetzt mal etwas länger über ein zentrales Thema nicht nur der christlichen Religion. Natürlich kann ich nur aus meiner mir eigenen katholischen Sicht darüber schreiben. Vielleicht kann der eine oder andere sich aber auch mit seinen Erfahrungen wiederfinden.

Ich habe Beten gelernt über die Mutter. Das kann und muss ich so sagen. Auch wenn meine Mutter eine berufstätige Frau war, hat sie sich immer Zeit genommen, um mit uns Kindern morgens und abends am Bettchen zu beten. Dabei knieten wir als kleine Kinder vor dem Bett mit Blick auf das große Kreuz mit silbernen Korpus, das über dem Bett geradezu zu schweben schien. So lernte ich verschiedene Kindergebete, das Gebet zum Schutzengel und zur Gottesmutter Maria, die auf einem Bildchen an das Kreuz angeheftet war. Mittags gehörte das Tischgebet vor und nach dem Essen selbstverständlich dazu. Zum Frühstück und Abendbrot wurde nicht extra gebetet. So wurde ich größer. Und es waren eigentlich immer die Bilder, die mich geprägt haben, und die mir einen Konzentrationspunkt beim Gebet gegeben haben. Allerdings war es keine Bilderflut, wie beim Barock; es war eher klassizistisch, streng auf das Wesentliche begrenzt. Wie auch in unserer Kirche, wo mich das Altarbild des auferstehenden Christus (60/70-er Jahre Stil) sehr beeinflusst hat. Natürlich war es nicht immer leicht, sich zu konzentrieren und alles, was von außen oder innen stört auszublenden. Mit der Zeit jedoch habe ich gelernt diese Dinge einfach mit ins Gebet zunehmen.

Durch die Gebetspraxis, die sich, je älter ich wurde, gewandelt hat, lernte ich auch verschiedene Formen des Gebets kennen.

Natürlich: 1. Das vorformulierte Gebet
Schon bei Lukas im 11. Kapitel lesen wir die Frage seiner Jünger, als sie Jesus beim Beten gesehen haben: „Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“ Darauf sagt Jesus: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.“ Interessant bei Lukas finde ich, dass es keine große Lehrgeschichte ist, wie bei Matthäus (dort eingebettet in die Bergpredigt: Mt 6,5-13 und als Abgrenzung zu seinen Gegnern). Jesus geht auf die konkrete Not der Jünger ein, die sehen, wie er zum Vater betet und die auch in diese Beziehung zum Vater in der Art und Weise wie Jesus eintreten wollen. Das Vaterunser ist dann zum Grundgebet der Christen geworden. Aus dem reichen Schatz der Psalmen schöpfen wir bis heute, nicht nur im Stundengebet der Kirche. Viele Gebete und Lieder im Gotteslob haben diese als Grundlage. Auch die Kindergebete sind in ihrer Art mit den Psalmen verbunden. Neben vielen anderen Christusgebeten und -hymnen (vgl. Phil 2,6-11), siehe auch im Gotteslob, gibt es das Gebet zur Gottesmutter: „Gegrüßet seist du, Maria“ (Ave Maria), welches Maria um ihre Hilfe und Fürsprache bei Gott beinhaltet. Aus dem „Gegrüßet seist du, Maria“ und dem Vaterunser sowie dem „Ehre sei dem Vater …“ wurde dann das Rosenkranzgebet, das im Monat Oktober besonders gepflegt wird.

Zu den vorgefertigten Gebeten zähle ich auch das Fürbittgebet in der Hl. Messe sowie alle Gebete der Hl. Messe (Tagesgebet, Lieder, Antwortpsalm, Präfation und Hochgebet usw.) und in anderen Gottesdiensten (Vesper, Rosenkranzandacht, Maiandacht, Eucharistische Andacht, Litaneien etc.). Als besonderes Gebet: das Gloria, das uns die Hl. Engel verkündet haben, als Jesus geboren wurde. Im übrigen sind geistliche Lieder besondere vorgefertigte Gebete. Sie müssen nicht immer poetisch sein. Manchmal geraten sie auch aus der Mode, weil ein Kampflied aus dem 30-jährigen Krieg nicht mehr ganz in unser modernes Weltbild zu passen scheint.

Dann: 2. Das freie Beten
Dem vorgeformten Gebet gleich wichtig ist das persönliche Gebet, das aus dem Herzen entspringt und keine festgefügte Form hat. Dennoch folgt es auch gewissen Grundregeln: Es kann Bitt-, Lobpreis- oder Dankgebet sein, auch die Klage in der Not nicht zu vergessen. Es ist dem Gebet Jesu ähnlich, wenn er sich immer wieder von seinen Jüngern zurück zieht, um in der Einsamkeit, auf einem Berg, mit seinem Vater zu sprechen. Dabei wird auch zweierlei deutlich: Er für sich, allein, persönlich. Aber Jesus betet auch für die Seinen, so dass es auch zum gemeinsamen Gebet wird, das vor allem auch ein geistgewirktes und -geprägtes Gebet ist. Und das ist eine uralte Tradition. „Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, …“ (Eph 6,18) und die berühmte Mahnung: „Betet ohne Unterlass!“ (1Thess 5,17). [Kleine Anmerkung: Mit „Heiligen“ meint Paulus vor allem die lebenden Gläubigen der Gemeinde gemeinsam mit den Verstorbenen, esp. den Martyrern.] So hat es uns Jesus vorgelebt, so sollen auch wir es für alle Heiligen und für die ganze Welt machen, und in erster Linie für uns selbst. Allein und miteinander.

Und schließlich: 3. Das kontemplative Gebet
Als eine Form des persönlichen Gebets ist das betrachtende bzw. kontemplative Gebet wirklich eine Sonderform. Viele Menschen scheuen sich vor dieser Art Gebet, denn es wirft einen sehr stark auf sich selbst und die Beziehung zu Gott. Während die oben genannten Gebetsformen mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen auch gemeinsam angewendet werden können, ist und bleibt das kontemplative Gebet eine Privatsache. Es erfordert Stille. Stille ist nicht nur das Fehlen von Lärm und Reizen, die uns vom Beten so wie so ablenken können. Stille ist das konsequent in die Einsamkeit Gehen, sich von der Welt zurück ziehen.

Wer das einmal nachvollziehen will, dem empfehle ich: a) längere Einzelexerzitien (notfalls auch Gruppenexerzitien) in einem Kloster zu machen, welches nicht gerade in einer Stadt liegt, oder/und b) sich den Film „Die große Stille“ anzuschauen. Sollte man bei diesem Film im ansonsten ausgeruhten Zustand einschlafen, dann ist ein Versuch kontemplativ zu beten, eher schwierig.

Was aber macht das kontemplative Gebet aus? Es ist das absichtslose Dasein vor Gott. Ich setze mich vor Gott hin, der sich mir aussetzt. Deshalb ist eine gute Gelegenheit zum kontemplativen Gebet eine Andacht mit Aussetzung des Leibes Christi oder ein Gottesdienst wie z.B. Nightfever o.ä. Man kann aber auch sich einfach in die Kirche setzen und zu Gott sagen: „Rede Herr, denn dein Diener hört.“ (1Sam 3,10)

Das ist auch die zweite Grundvoraussetzung: Nicht ich mit meinen Anliegen stehe im Vordergrund, sondern Gott, der alle meine Freuden und Sorgen schon kennt. Ich muss meine Sichtweise und Haltung zu Gott ändern. Ich muss ein Hörender werden. Letzteres ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung des Betens überhaupt wie auch des Singens und Musizierens. Während es bei der Musik sowohl um die Organe und die Ohren des Herzens geht, sind es die letzteren, die ein Beter braucht, um mit Gott in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Aber auch für die Kommunikation unter den Menschen ist es wichtig mit den Ohren und den Augen des Herzens zu handeln. Wie Antoine de Saint Exupéry schreibt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Eine Internetseite habe ich soeben zu diesem Thema gefunden. Dort gibt es Tipps und Ideen, um beten zu lernen. Aber auch darüber hinaus Stoff zur Schriftbetrachtung (die wiederum zum Gebet führen kann) etc. Die Seite tendiert jedoch stark zu – hm, wie soll ich sagen – spezieller marianischer und mystischer (von Sr. Faustyna Kowalska) und Herz Jesu Frömmigkeit, besonders auch der eucharistischen Frömmigkeit a la Nightfever. Mit gesundem kritischen Abstand kann jedoch jeder Christenmensch dort viele gute Anregungen zum Beten finden.

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