Wachet auf, ruft uns die Stimme

Der Advent beschert uns eine Reihe schöner Lieder. So auch das Lied unter der Nummer 110 im Gotteslob. Text und Melodie stammen von Philipp Nikolai (1556-1608), der 1599 ein Büchlein verfasst: „Freudenspiegel des ewigen Lebens“, an dessen Ende er drei Lieder gesetzt hat. Über den schön leuchtenden Morgenstern habe ich ja bereits geschrieben.

Obgleich der Verfasser sich in der 3. Strophe auf das Weihnachtslied „In dulci jubilo“ bezieht (im Original heißt es in den letzten Zeilen des Liedes: „Deß sind wir froh / jo / jo – Ewig in dulci iubilo“), ist es ursprünglich kein Adventslied sondern ein eschatolisches Lied, das ebenso bei vielen Gelegenheiten im Kirchenjahr verwendet werden kann. Wegen dieses endzeitlichen Charakters wird es in den evangelischen Kirchen auch häufig zum Ewigkeitssonntag (Christkönig) gesungen.

1.  „Wachet auf,“ ruft uns die Stimme
   Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
   „Wach auf du Stadt Jerusalem!
   Mitternacht heißt diese Stunde!“
   Sie rufen uns mit hellem Munde:
   „Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
   Wohlauf, der Bräut’gam kommt,
   Steht auf, die Lampen nehmt!
   Halleluja!
   Macht euch bereit zu der Hochzeit;
   Ihr müsset ihm entgegengehn!“

Der Dichter, der zugleich die Melodie verfasste, hat den Text aus einem Guss geformt. Die erste Strophe kontrafaktiert die seinerzeit nicht unbekannte „Silberweise“ des Meistersängers Hans Sachs. Gleich zu Anfang sind wir mitten drin im „Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen“ (Mt 25,1-13). Das ist das Thema dieses Liedes. Es bleibt jedoch nicht auf dem Niveau eines Erzählliedes sondern „ruft uns“, d.h. die singende Gemeinde, dazu auf, bereit zu sein und dem Messias entgegenzugehen. Dies soll nicht als lästige Pflicht verstanden werden. Durch den Jubelruf des Hallelujas wird deutlich, dass wir teilhaben an einer großen Freude, „die dem ganzen Volk zuteil werden soll.“ (Lk 1,10) Die Gemeinde soll sich einreihen in den Chor der Engel und Heiligen. Zugleich stehen wir aber auch mit beiden Beinen an der Stadtmauer von Jerusalem und rufen dem der da auf dem Fohlen einer Eselin in die Stadt reitet unser Hosianna zu. Das Heil lässt sich erfahren durch die Verkündigung des Wortes und durch den Lobpreis, der nicht durch bloße Reflexion zu ersetzen ist.

Johann Sebastian Bach hat den Text zur Grundlage seiner Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BMV 140 gemacht. Auch Max Reger verwendet die Melodie als Grundlage für eine Orgelfantasie (Op 52,2). Felix Mendelssohn Bartholdy benutzte das Lied in seinem Oratorium „Paulus“.

2. Zion hört die Wächter singen,
   Das Herz tut ihr vor Freude springen,
   Sie wachet und steht eilend auf.
   Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
   Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
   Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
   Nun komm, du werte Kron,
   Herr Jesu, Gottes Sohn!
   Hosianna!
   Wir folgen all zum Freudensaal
   Und halten mit das Abendmahl.

3.  Gloria sei dir gesungen
   Mit Menschen- und mit Engelzungen,
   Mit Harfen und mit Zimbeln schön.
   Von zwölf Perlen sind die Tore,
   An deiner Stadt; wir stehn im Chore
   Der Engel hoch um deinen Thron.
   Kein Aug hat je gespürt,
   Kein Ohr hat mehr gehört
   Solche Freude.
   Des jauchzen wir und singen dir
   das Halleluja für und für.

Die Angleichung in der 3. Strophe ist diesmal keine Gotteslob-Nivellierung sondern eine Textkorrektur, die schon im 19. Jahrhundert erfolgte, weil schon damals einige Worte nicht mehr verständlich waren.

Bei meiner Recherche zu diesem Artikel bin ich auch auf folgendes Stückchen gestoßen:

Das Interessante daran ist, das dies gar nicht die Trostorgel in Waltershausen ist, von der der Klang aufgenommen wurde, sondern eine Wohnzimmerorgel in Bochum (digitale Aufnahme der gesamten Trostorgel samt Raumklang und Registriergeräusche durch die Fa. Hauptwerk).

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