Das Herz geht mir über …

… wenn ich daran denke: wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar, mit Jubel und Dank in feiernder Menge (Ps 42,5). Nein, ich meine nicht jene, die sich als große Schar darstellen und die Frommen sein wollen. Es sind die Vielen, die nach der Firmung einen anderen Weg gehen, die – wenn sie in der Kirche bleiben – eher nur noch zu den Hochfesten in die Kirche kommen und dann stumm bleiben, weil sie gar keine Lieder mehr kennen. Aber wer weiß schon, was in deren Herzen passiert, wer ist dieser Pharisäer, der sich erdreistet auf die Leute hinten in der Kirche zu schauen. Ich habe soeben einen der Artikel gelesen, von einem jener welchen geschrieben, zu dem Jesus sagen würde: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Frommer (resp. Reicher) in den Himmel kommt.

Frischer Wind, der den Artikel: „Bitte eines Jugendlichen an alle in der christlichen Jugendarbeit Engagierten…“ veröffentlicht hat, enthält sich jeglichen Kommentars, und der von Gertie ist auch nur ein kurzsichtiges Jammern und Verdammen all jener, die versuchen wirklich frischen Wind in die Kirche zu bekommen. Einen zaghaften Kommentar wagt die freche, fromme Frau auch mit der wichtigen Würdigung der Arbeit von Jugendverbänden (über den BdKJ kann man sich streiten). Nun ja, über die westdeutsche katholische Kirche und den Hang zum Buddhismus sollte man ein andermal nachdenken. Ich für meinen Teil kann mich an meine Jugendzeit erinnern, die geprägt war von Jugendgottesdienst, Jugendband und -chor, Jugendhaus, eigene Jugendlieder aus den Dreifaltigkeitsheften und Taizé, mit Ökumensichen Jugendkreuzweg etc. Die ewige Diskussion: Neues Geistliches Liedgut oder Gotteslob war bei uns ein Sowohl – Als-auch. Auf Deutsch – na klar, was sonst. Latein war in den Taizé-Gesängen etabliert und in den Chorgesängen zu den Hochfesten.

Doch jetzt mal Butter bei die Fische: Der Jugendliche von Jagwitz meint:

1. „Singt mit uns bitte keine Lieder mit inhaltsleeren Texten … „

Ja wie denn? Welche Lieder sollen wir singen? Herz Jesu, Gottes Opferbrand? Der Text ist so verdreht, dass man in den ersten beiden Strophen als normaler Mensch nur Bahnhof versteht: „O Herz, in Nacht zu uns gesandt, als Schuld den Tod uns brachte …“ Hä, wie jetzt … welchen Tod und warum? Am schlimmsten sind im Gotteslob die Lieder, die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg hinzugekommen sind: u.a. auch GL 568. Reinste Schwarz-Weiß-Malerei. Düster bis schwarz das Erdenleben – Glorreich das Leben im Jenseits, das eine negieren, die Herrschaft Gottes im Himmel lobpreisen – die ewige Taktik der Traditionalisten. Möglichst mit Choralamt.

„Unser Herz wird geöffnet, wenn wir gemeinsam Gott mit Liedern preisen, die unsere Sehnsucht nach Wahrheit, nach wahrer Liebe und Freude, nach innerem Frieden und Heilung zum Ausdruck bringen.“ q.e.d.

2. „Erzählt uns doch nicht, dass unser Leben völlig in Ordnung sei, denn das kann die Welt besser! Betet mit uns stattdessen das Schuldbekenntnis, denn wir sehnen uns nach Vergebung.“

Genau auf derselben Schiene fährt der Verfasser weiter. Vergebung ist notwendig, aber nicht das Alleinige und Vordergründige im Glauben. „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Das Sakrament der Versöhnung möchte ich allen Jugendlichen und Erwachsenen ans Herz legen. Das Schuldbekenntnis reicht dafür aber nicht aus. Sog. Bußgottesdienste (ohne Beichte) sind auch kein hinreichendes Kriterium, um von schwerer Sündenschuld befreit zu werden.

In diesem Abschnitt gewinne ich aber auch den Eindruck, dass ich für kollektive Schuld unserer heutigen Zeit büßen müsste. Das ist nicht christlich, obgleich es unseren jüdischen Wurzeln entspricht: … unserer Väter-Väter-Väter …

3. „Ersetzt nicht das Wort Gottes durch Theaterstücke oder irgendwelche Weisheitsgeschichten …“

Tja, was soll ich sagen. Das geht mir auch immer auf die Nerven. Nach dem II. Vatikanum kam das bei vielen Priestern in Mode. Hoffsümmer hat nicht umsonst so viele Bücher geschrieben. Aber die Postmoderne ist da viel nüchterner. Wenn ich mir Jesus so anschaue, dann hat er viel Weisheit in einfache Lebensgeschichten gepackt und den Leuten veranschaulicht in Gleichnissen: vom barmherzigen Samariter, vom Sämann, vom verlorenen Schaf, von der wiedergefundenen Drachme, vom Licht auf dem Leuchter usw. usf.

Dann blende ich mal ins Mittelalter. Die Leute wollten Brot und Spiele, wie man es in anderer Form im Römischen Reich kannte. Und die Spiele wurden wichtiger als die Messe, die die Leute eh nicht mehr verstanden, denn Latein war schon lange nicht mehr ihre Muttersprache (Hokuspokus): Osterspiele, Weihnachtsspiele, St. Martin, Nikolaus, Passionsspiele und vielerlei Heiligenlegenden, die im Volk durch Theaterstücke oder Geschichtenerzählen verbreitet wurden. Ist ja auch logisch, denn die meisten Leute waren Bauern, Sklaven und Leibeigene und konnten nicht lesen und schreiben. Und auch das aufstrebende Bürgertum liebte diese Spiele. Heute ist St. Martin nur noch für Kinder. Damals war es eines der wichtigen Daten im Leben der Menschen: Ende des Wirtschaftsjahres, Beginn der „staden Tied“. Einzig und allein die Passionspiele sind uns heute noch erhalten als etwas für Erwachsene und mancherorts vielleicht noch die Krippenspiele (aber bäh … das ist ja nur Kinderkram … wir gehen in die Christmette). Dabei habe ich die Beobachtung gemacht, dass in der Krippenandacht auch Erwachsene ohne Kinderanhang, auch im Seniorenalter, mit dabei sind.

4. „Lasst die Eucharistiefeier nicht zu einem gemeinsamen Tischmahl verkommen, denn das ist in jedem Restaurant besser.“

Der Verfasser hat recht. Keiner denkt mehr daran, ob er würdig ist, den Herrn zu empfangen. Alle rammeln sie zur Kommunion, weil es alle machen – Herdentrieb. Wenn der Nachbar sieht, dass ich nicht zur Kommunion gehe, könnte er ja denken, ich hätte etwas ausgefressen. Und dann kommt einer und sagt, ich solle seine Frau trösten, die nicht katholisch ist, und keinerlei Empfangsbereitschaft gezeigt hat, so dass ich ihr die Kommunion verweigerte … Verrückt. Es besteht zwar ein Anspruch auf den Empfang des Herrn, aber nur bei denjenigen,  die nach unserem Verständnis dazu bereit sind, also zumindest in der katholischen Kirche sind. Und diese Empfangsbereitschaft muss erkennbar sein: Mund- oder Handkommunion. Ob jemand würdig ist, muss jeder für sich selbst prüfen. Die orthodoxen Christen sind da wesentlich strenger, was allerdings dazu führt, dass viele Orthoxe nur selten in ihrem Leben die Kommunion empfangen. Das ist auch fragwürdig und gab es auch schon in der römisch-katholischen Kirche …

Das Bild mit dem Restaurant ist jedoch schlecht: Plätze im Restaurant sind begrenzt, Reservierung(spflicht), Exklusivität …

5. „Tut nicht so, als wäre der Weg des Glaubens wie ein heiterer Spaziergang, sondern helft uns, die Anfeindungen der Welt und des Teufels mit dem Kreuz Christi zu vereinen!“

Huh, da ist sie wieder die „Gnostische Versuchung“. Schwarz-weiß. Die böse Welt (a la Johannes) und das Siegeskreuz Christe, dass die (johannäische [gnostische]) Welt besiegt. Diese Vorstellung der Welt als Reich der Finsternis ist nicht christlich, auch wenn sie der Evangelist Johannes und der Apokalyptiker Johannes so verbreiten. Das Christentum hat die Vorstellungen der Gnosis zwar verworfen, aber viele Bilder (u.a. den Teufel als Fürst der Finsternis) übernommen und bis in die heutige Zeit transportiert und in vielerlei Weise transformiert oder unverändert belassen.

Wenn die Christen wirklich daran glauben würden, dass a) Gott diese Welt gut geschaffen hat und b) Jesus die Sünde der Welt hinweggenommen hat durch sein Heilsopfer am Kreuz und damit c) durch die Auferstehung Christi und die Sendung der Apostel mit Missionsauftrag das Reich Gottes wirklich in dieser Welt angebrochen ist, dann wird auch Christus wiederkommen, erst dann.

6. „Lockt uns nicht, indem ihr uns immer lobt und uns das Gefühl gebt, etwas Besonderes zu sein …“

Blanker Hohn, Pharisäertum. Ich habe die Schüler im Auge, die hier im Osten Deutschlands als vereinzelte Christen, ja als einziger Christ in der Klasse, als einzige christliche Familie in der gesamten Nachbarschaft ihren Glauben versuchen zu leben. Manche ziehen weg, weil der Atheismus hier so resistent und aggressiv ist. Da braucht man nicht unbedingt in die arabischen Länder zu schauen. Dort ist allerdings die Verfolgung der Christen am existenzbedrohendsten, ja sogar lebensbedrohlich, wie es nicht einmal zur Zeit der Christenverfolgung im alten Rom war. Und hört auf über Stolz und Demut nachzudenken. Diese Artefakte der pädagogischen Zeit, als in den Kirche die Bänke installiert wurden, um das Volk zu erziehen.

… Und das Resümee unseres jugendlichen Christen: „Eine ehrliche Kirche dagegen werden wir zwar für ihren Wahrheitsanspruch anklagen, für stur und zurückgeblieben halten, uns sträuben, die Wahrheit von ihr anzunehmen, mit ihr ringen, wie Jakob mit Gott. Aber am Ende werden wir nur durch die Kirche sagen können: ‚Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen‘ (Gen 32,31).“

Da hört man geradezu die geschwellte Brust, das wehende Haar, den Kopf in den Nacken geworfen und die Nase so hoch, dass es reinregnet, voll Wahrheit und Klarheit. Welche „Ehrlichkeit“ meint er aber wirklich? Jene, die Jean d’Arc auf den Scheiterhaufen der Inquisition gebracht und dann heiliggesprochen hat oder jene, die mit dieser Sturheit und dem zurückgebliebenen Weltbild Schluss macht, wie Franziskus, nackt umhergehend mit der Vision einer verfallenden Kirche, die Christus nicht mehr im Blick hat. Es geht nicht vordergründig um die Kirche! Es geht um Jesus Christus allein, in der Einheit mit dem Vater im Heiligen Geist. Und Jesus sagt auf die Frage der Pharisäer: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ – „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Mt 9,11.12)

Die gnostische Versuchung, diese Welt schwarz-weiß zu malen, steckt in uns allen. Sie ist das eigentliche Übel unserer Zeit, zusammen mit einem Synkretismus vor allem hinsichtlich buddhistischen Gedankenguts. Wird ein ostdeutscher Priester von einem österreichischen Kollegen gefragt: „Du glaubst doch nicht etwa an die Auferstehung? Ich glaube schon seit langem an die Wiedergeburt.“ Priester in Indien braucht man erst gar nicht zu fragen, das häuft nur schlechtes Karma auf. Also, wenn ich in diese Welt immer und immer wieder geboren werde sollte, na dann Gute Nacht …

Die Sache Jesu braucht Begeisterte. Sein Geist sucht sie auch unter uns. Er macht uns frei, damit wir einander befrei’n.

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5 Kommentare zu „Das Herz geht mir über …“

  1. Erstmal ein allgemeiner Kommentar: Ich glaube, daß der Herr von Jagwitz Dir in vielen Punkten gar nicht widersprechen würde (mal abgesehen von den argumenta ad hominem), insbesondere wenn er die Situation im Osten kennte. Tut er aber nicht. Er schreibt aus einer ganz anderen Situation heraus und in eine ganz aandere Situation hinein. Nimm mal Deinen österreichischen Priester aus dem letzten Absatz und stell ihn Dir als Blaupause hinter den von dem Jugendlichen geschilderten Erfahrungen vor. Liest sich die ganze Kritik nicht plötzlich ganz anders?

    1. Glaub ich auch, denn ich gebe ihm ja auch in einigen Punkten recht. Aber wer der Jugendseelsorge Kurzsichtigkeit und Inhaltsleere vorwirft, der sollte sich mal selber prüfen. Das ist der Punkt: Er will verallgemeinern und schreibt eben nicht in eine bestimmte Situation hinein. Sicher: Es gibt da noch den „Subtext“. Und als Hintergrundfolie ist da sein einmaliges (!) Erlebnis. Das war mir auch schon in der Schule zweifelhaft: Was will der Dichter wirklich ausdrücken? Oder: Was will der Dichter uns sagen?

  2. So, und jetzt noch was Spezielles zu 5.:

    Eine Identifizierung von Gnosis und Johannes ist ziemlich abwegig. Willst Du gleich mal das ganze Corpus Johanneum als unchristlich aus der Bibel streichen?! Finde ich gewagt.

    Ganz davon abgesehen, daß es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Welt-Begriff der Gnosis und dem des Johannes gibt.
    Die Gnosis sieht die materielle Welt (kosmos) als unvollkommen und mithin böse geschaffen an. Johannes hingegen kennt zwar den Kosmos als (gute!) Schöpfung und Ort menschlicher Geschichte, das was aber als „Welt“ im johanneischen Kontext bezeichnet wird, nennt Johannes in der Regel den gegenwärtigen Äon, der — gerade wegen Christi Sühnetod! — dem Untergang geweiht ist, weil er nämlich im Gegensatz zum Reich Gottes funktioniert.

    In der Endzeit, in der wir ja nun schon seit 2000 Jahren leben, existieren „diese Welt“ (Äon) und das Reich Gottes parallel zusammen in der geschaffenen Welt, gehen häufig munter ineinander über (wie schon Augustinus in seinem Gottesstaat schrieb) und sind entsprechend schwer zu unterscheiden — dazu bedarf es der Unterscheidung der Geister, also der Ausrichtung auf Jesus und einer intensiven Beziehung mit Ihm, denn außerhalb von Ihm können wir nichts vollbringen.

    In diesem Sinne wird übrigens auch von Gaudium et Spes die Welt geschildert: Zwar verwendet GS Welt in der Regel im weiteren Sinne von Schöpfung und Ort menschlicher Geschichte. Als
    solche schließt sie aber die weltlichen Äon, die „Welt“ im johanneischen Sinne ein, nämlich als gefallene Schöpfung, die „unter die Knechtschaft der Sünde geraten“ ist. Nur in der „Brechung der Herrschaft des Bösen“ in Christi Tod und
    Auferstehung wird die Welt von ihrer „Weltlichkeit“ befreit und dazu bestimmt, „nach Gottes Heilsratschluß“ umgestaltet und vollendet zu werden (vgl. GS 2). Interessant finde ich in diesem Kontext übringens auch immer wieder, daß das, was wir uns heute häufig als Weltuntergang/Neuschöpfung verstollen/verkaufen lassen, nämlich eine totale Vernichtung im Sinne einer annihilatio mundi, vor dem 17. Jahrhundert überhaupt nicht gedacht wurde, wahrscheinlich überhaupt nicht gedacht werden konnte (dafür war erst ein radikale Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Sphäre nötig; res cogitans vs. res extensa).

    1. Sowohl – als auch. Synkretismus wurde zwar vom Christentum von Anfang an bekämpft aber auch fleißig betrieben. Johannes kann man nicht losgelöst von der Gnosis betrachten. Die Gnosis ist keine universale Denkrichtung oder gar ein philosophisches System. Es sind verschiedene Strömungen, die das Denken und Handeln der damaligen Zeit beeinflussten. Meiner Meinung nach kann man das ganz gut am Weltbegriff des Johannes erkennen, auch wenn es philosophisch einen Unterschied geben mag: Welt=Finsternis=böse; Logos=Licht=gut. Vgl. Johannesprolog: Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. (Joh 1,10-11)
      Das, was ich als „gnostische Versuchung“ ansehe, ist diese Schwarz-Weiß-Malerei und alles, was dazu gehört, auch die Vorstellung des Teufels. Damit möchte ich Johannes nicht das christliche Zeugnis absprechen, als kanonischen Evangelisten. Aber er ist – als zeitlich letzter Verfasser – eben gegenüber den Synoptikern sehr verschieden. Er prägte auch den Anti-Judaismus in der Kirche des Mittelalters, über Luther bis in die Neuzeit. Aber das ist eine andere Geschichte.

      1. (So, Umzug so weit überstanden, daß ich mich wieder den wichtigen Dingen zuwenden kann 🙂

        Irgendwie kann ich Dir nicht folgen. Mir fehlt der Zusammenhang zu meiner Aussageabsicht, was dafür spricht, daß wir irgendwie aneinander vorbeireden. Vielleicht verstehe ich Deine Aussageabsicht falsch.

        Worauf ich angesprungen bin, war eine Formulierung, nach der wesentliche Grundstrukturen des Corpus Johanneum als gnostisch oder zumindest unchristlich anzusehen seien, und die das Christentum der Sache nach abgelehnt habe, wenngleich die Bilder weitergetragen worden seien:

        „Die böse Welt (a la Johannes) und das Siegeskreuz Christe, dass die (johannäische [gnostische]) Welt besiegt. Diese Vorstellung der Welt als Reich der Finsternis ist nicht christlich, auch wenn sie der Evangelist Johannes und der Apokalyptiker Johannes so verbreiten.“

        Da habe ich dann drauf geantwortet, daß Welt i.S.v. Johannes und Welt i.S. der Gnosis zwei ganz unterschiedliche Dinge sind. Für Johannes ist Welt (=Äon) ein gotttwidriger Zeitgeist (und seine Folgen), der aus dem Fall des Menschen hervorgegangen ist, der durch Inkarnation, Leben, Tod und Auferstehung überwunden wird. Für die Gnosis ist die Welt das durch einen unvollkommenen Demiurgen geschaffene materielle Gefängnis der (rein geistig bzw. „feinstofflich“ verstandenen) göttlichen Funken. (Daß es dazwischen alle möglichen Mischformen gibt, sei mal außen vorgelassen.) Was die Gnosis als Welt bezeichnet, bezeichnet Johannes im Johannesprolog als „Sein [des Logos] Eigentum“, was zugleich einen unvollkommenen Demiurgen als Schöpfer dieser Welt ausschließt (denn der Erlöser kann ja nicht mit dem Demiurgen identisch sein (hier zeigt sich auch schon, daß unter Erlösung ganz andere Dinge verstanden werden.

        Wenn man diese Identifizierung aus Deinem Text streicht, bleibt aber (in meinen Augen) keine Kritikmöglichkeit an der (von mir nicht bestrittenen) Schwarz-Weiß-Malerei des Johannes mehr übrig: Gott=gut vs. gottwidrig=böse.

        Alles, was dann in der Rezeption des Corpus Johanneum schief gegangen ist, kann man nun aber schlecht dem Johannes anlasten, wie man auch nicht in jeder Sprache, die von Anfeindungen der Welt und des Teufels redet, gleich eine gnostische Versuchung sehen sollte. Diese Schwarz-Weiß-Malerei ist doch berechtigt. Die Widergöttlichkeit der nationalsozialistischen oder realexistierenden-sozialistischen Systeme ist doch offensichtlich, die eines unbarmherzigen Kapitalismus und eines nur scheinbar sanften Relativismus übrigens auch, wie ich finde. Nur heißt das doch nicht, daß Land und Leute, die von diesen Systemen geprägt (worden) sind, mit Bausch und Bogen verdammen muß, sondern im Gegenteil sie von dem Gottwidrigen befreien sollte (Umkehr, Buße, Bekehrung…).

        Was in der fünften Forderung stand, war meines Erachtens nichts anderes als das, was die östliche Tradition als „Vergöttlichung“ (Theosis) des Menschen und der Schöpfung bezeichnet: „…helft uns, die Anfeindungen der Welt und des Teufels mit dem Kreuz Christi zu vereinen!“ Vereinen! Die Anfeindungen der Welt und des Teufels sollen mit dem Kreuz Christi vereint (nicht vernichtet!) werden.

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