De-Eskalation

Weihnachten ist Krieg. Nein, nicht irgendwo in dieser Welt, weit weg; hier im Wohnzimmer herrscht Krieg. Die ganze liebe Familie ist beisammen und krampfhaft bemüht, den Weihnachtsfrieden zu wahren. Was die meisten jedoch nicht wissen, gerade diese Situation: die Nähe, die im Alltag oftmals tunlichst vermieden wird – aus welchen Gründen auch immer – führt unweigerlich zu Stress, Spannungen und letztendlich Streit. Da kann es auch passieren, dass alte Wunden wieder aufgerissen werden. Manchmal genügt dazu nur ein Wort.

Wie kann ich den Weihnachtsfrieden wiederherstellen? Das Schöne am Weihnachtsfrieden ist: Ich brauche ihn gar nicht zu machen. Er ist ein Geschenk. Vielleicht das einzige Geschenk an Weihnachten, das etwas taugt. Wenn wir auf ihn schauen: Jesus Christus, unseren Herrn, wenn wir ihn hinter all dem Pomp und Kitsch in der Krippe finden. Dennoch kann ich etwas zu diesem Weihnachtsfrieden beitragen. Und das Zauberwort heißt: De-eskalation.

Es ist keine magische Formel, kein Harry-Potter-Spruch. Einmal ausgesprochen und er wirkt wie ein Patronuszauber. Nein, es beginnt mit etwas ganz Einfachem: Ich nehme mir Zeit für dich. Ich höre dir zu. Ich rede gut mit dir. Packe alles beiseite, was mein Ego mir ständig einzureden versucht. Und dieses Einfache ist aber zugleich das Schwierigste auf der Welt. Ich muss, um all das zu wagen, ausbrechen aus dem Gefängnis meines Selbst. Ein Gefängnis, ein goldener Käfig, den ich mir geschaffen habe zum Schutz gegen die „böse“ Welt. In dem ich es mir bequem gemacht habe. Und dieser Käfig ist leidenschaftlich geschmückt. Ich habe meine Alltagsmarotten gehegt und gepflegt. Den Schlüssel verwahre ich wohl in meinem Herzen.

Aber wenn ich nicht ausbreche aus dem goldenen Käfig, dann wird Weihnachten zum Kriegsschauplatz im Wohnzimmer und die Bombe tickt.

— Ich übertreibe. Oder?

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1 Kommentar zu „De-Eskalation“

  1. Genau DAS ist der Grund für die Kriegszustände in unseren Wohnstuben: Packe alles beiseite, was mein Ego mir ständig einzureden versucht. zusammen mit den extremen Überfrachtungen, dass an einem Hochfest der katholischen Kirche, DEM theologischen Jahrtausend(e)ereignis, der Niederkunft Gottes, des Erlösers, des Heilands, des Christos und was wir sonst noch so alles an Glauben in diese Figur hineinpacken, zusammen mit dem kategorischen Weihnachtsfriedensbefehl einfach alles absolut und bis ins allerkleinste Detail unsrer Leben perfekt nach den religiösen Vorgaben der katholischen Kirche laufen muss, koste es, was es wolle.
    Zusammen mit Ihrem Satz, dass Sie sich für egoistisch halten, führt das zu einer Situation, in der es beinahe zwangsläufig zum Ärger kommen muss.

    Es wird immer wieder, der böse, böse Konsumterror haraufbeschworen, der uns das Weihnachtsfest so verhageln soll. Es stimmt einfach nicht, dass das anderen eine Freude mit Geschenken machen, „Terror“ sein soll.

    Was wirklichen Terror verursacht, ist die theologische und soziale Überfrachtung des Weihnachtsfestes, die einen Zwangsweihnachtsfrieden fordert, der alle überfordert. Sie halten sich ja auch für eine Egoistin, oder befürchten es zumindest. Sind Sie sicher, dass Sie eine sind? Oder wollen Sie nur mit aller Gewalt die ganzen Maximalforderungen von Kirche, Familie und Gesellschaft zu zweihundert Prozent befriedigen?
    Ich kann die jungen Ehepaare, die sich dem entziehen, sehr, sehr gut verstehen. Hätten wir das nur früher gemacht.
    Mit mehr Zeit für sich selbst, hat man auch mehr Ruhe. Für Gott, wenn Sie wollen. Oder die Hobelbank. Oder Michel Eyquem Seigneur de Montaigne. Er ruft schon. Schluss!

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