Amoklauf und Vergessen

Wieder ist in den USA ein schrecklicher und unerklärlicher Massenmord passiert. Wie so oft wird es jedoch wie folgt ablaufen: Trauer und Unverständnis bis zur Aufdeckung eines erklärbaren Tatmotives; Diskussion über die Waffengesetze in den USA bis zum nächsten hirnrissigen und -losen Tweet des Pres. Trump; vergebliche Bemühungen der Demokraten, die von der Waffenlobby und den Republikanern zunichte gemacht werden, Scheingefechte über die Sicherheit in Hotels u.ä., so dass im Endeffekt die Diskussion in spätestens 10 Tagen aus der Medienöffentlichkeit verschwindet und damit gestorben ist … bis zum nächsten Amoklauf.

Siehe auch: Amoklauf in Erfurt Das in diesem Beitrag angegebene Video funktioniert nicht mehr. Empfehlenswert ist daher eine neuere Reportage vom Bayrischen Rundfunk:

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Hinunter ist der Sonnenschein

Nikolaus Herman veröffentlichte 1560 den Text zu diesem Abendlied. Melchior Vulpius vertonte 1609 diesen Text auch mehrstimmig. Die Rezensionen über dieses Lied sind spärlich. Heinrich Schütz soll es auch neuvertont haben. Allein es fehlt mir der Erweis. Auch im Internet ist kein wikipedia-Eintrag festzustellen. Das neue römisch-katholische Einheitsgesangbuch „Gotteslob“ hat es verbannt. Im Gotteslob 1975 steht es im Stammteil unter der Nr. 705 mit einer Textänderung in der ersten Strophe: „Hinunter ist der Sonne Schein …“ Auch das EG unter der Nr. 467 folgt dieser Textvariante. Nach dem Lied ist dort auch der vierstimmige Satz von Vulpius veröffentlicht.

1. Hinunter ist der Sonnenschein,
Die finstre Nacht bricht stark herein;
Leucht uns, Herr Christ, du wahres Licht,
Laß uns im Finstern tappen nicht!

2. Dir sei Dank, daß du uns den Tag
Vor Schaden, G’fahr und mancher Plag‘
Durch deine Engel hast behüt’t
Aus Gnad‘ und väterlicher Güt‘.

3. Womit wir hab’n erzürnet dich,
Dasselb‘ verzeih uns gnädiglich
Und rechn‘ es unsrer Seel‘ nicht zu,
Laß uns schlafen mit Fried‘ und Ruh‘!

4. Durch dein‘ Engel die Wach‘ bestell,
Daß uns der böse Feind nicht fäll‘;
Vor Schrecken, G’spenst und Feuersnot
Behüt uns heint, o lieber Gott!

Im Gotteslob und EG endet die letzte Strophe:

Vor Schrecken, Angst und Feuersnot
behüte uns, o lieber Gott.

Dieser Schluss ist etwas gefälliger. Das ganze Lied klingt wie ein vertontes Abendgebet. Es erinnert mich an die Gebete meiner Kindheit, als wir vor dem Bettchen und dem großen Kreuz knieten, welches über der Schlafstätte angebracht war. Dabei war auch immer ein Schutzengelgebet. Das ganze Lied macht den Eindruck, dass hier zumindest ansatzweise solch ein katholisches Schutzengelgebet Pate gestanden hat für dieses lutherische Abendgebet.

Hl. Schutzengel mein,
lass mich Dir empfohlen sein.
In allen Nöten steh mir bei
und halte mich von Sünden frei.

In dieser Nacht, ich bitte Dich,
beschütze und bewahre mich. Amen.

Heute sehe ich das Lied im Kontext der liturgischen Texte der vergangenen 3. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A), die uns auch explizit noch einmal auf die Weihnachtszeit verweisen:

Das Volk, das im Dunkel lebt,
sieht ein helles Licht;
über denen, die im Land der Finsternis wohnen,
strahlt ein Licht auf. (Jes 9,1)

Und im Evangelium heißt es:

Das Volk, das im Dunkel lebte,
hat ein helles Licht gesehen;
denen, die im Schattenreich des Todes wohnten,
ist ein Licht erschienen.
Von da an begann Jesus zu verkünden:
Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. (Mt 4,16.17)

Jesus Christus ist das Licht, das auch heute durch seine Nachfolger in der Welt leuchtet. Manchmal aber scheint es, als ob die Flamme erstickt würde in den Alltagssorgen, politischen und wirtschaftlichen Irrungen und Wirrungen. Die Dunkelheit in der Welt nimmt zu.

Und dabei sollte uns doch die Klarheit und Wahrheit des Herrn umleuchten. Statt dessen ist es die Finsternis der Unvernunft und der Unbarmherzigkeit.

Ich glaube nicht an einen Geist des Bösen, der personifiziert außerhalb der menschlichen Person existiert. Auch wenn viele meinen: Wenn es Engel gibt, muss es auch ein Pendant dazu geben. Nein, denn es gibt ja auch kein Pendant zum Menschen. Im Menschen ist das Gute und das Böse angelegt. Die Macht des Bösen ist aber stärker als das Licht. Immer wieder bricht es tiefe Schneisen in den Kreislauf des Lebens.

In letzter Zeit frage ich mich: Widersage ich dem Bösen wirklich, um in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben? Oder ist das nur ein Lippenbekenntnis, das meine Eltern für mich bei der Taufe und ich dann bei der Firmung spreche(n)? Jesus zu folgen, heißt den allzu verlockenden Parolen – auch den populistischen – zu widersagen. Nächstenliebe ist keine Theorie. Jesus fordert die Praxis: Kehrt um! Das Himmelreich (nicht irgend ein Menschenreich) ist nahe!

O bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden.

Ain al-Arab

… oder besser bekannt als Kobane oder Kobani. Die ganze Welt schaut auf diese Stadt. Oder anders: Die Welt schaut dem Angriff des IS auf diese Stadt (relativ passiv) zu. Aber was ist an dieser Stadt so besonders? Die Stadt wurde von ca. 54.000 Menschen (2007) – über die Hälfte von ihnen waren Kurden – bewohnt. Araber und Turkmenen bildeten den anderen Teil der Bevölkerung. Im Verlaufe des innersyrischen Konflikts und massiver Binnenflucht ist die Einwohnerzahl bis Mitte 2014 auf über 100.000 gestiegen.

Die Stadt zählt nicht zu den älteren Städten der Region. Die Geschichte der Stadt begann 1912 als kleine Bahnstation mit dem Bau der Bagdadbahn. Seit dem Aufstand gegen die Regierung Assad und dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges fanden auch in Ain al-Arab Kämpfe statt. Wegen ihrer Grenzlage und dem reichlichen Trinkwasser ist die Stadt strategisch wichtig. Seit Anfang 2014 ist Ain al-Arab Zentrum eines der drei selbstverwalteten Kantone Rojavas. Diese Kantone stehen unter der Kontrolle der kurdischen Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) und ihrer Verbündeten.

Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) versuchte ein Jahr lang, die Stadt einzunehmen, scheiterte aber immer wieder an den Volksverteidigungseinheiten (YPG). Mitte September 2014 traten die Terrormilizen zu einer Großoffensive an, ab 28. September 2014 begann der Angriff auf das Stadtgebiet.

Die Schlacht um Kobane war für die internationale Allianz von untergeordneter strategischer Bedeutung. Bis zum Beginn des Häuserkampfes in Kobane waren nur sporadische Luftschläge gegen IS-Stellungen zu verzeichnen. Durch den erbitterten Widerstand der Verteidiger, erfuhr die Schlacht jedoch politische und moralische Bedeutung und die Luftschläge wurden sowohl in erhöhter Anzahl als auch Effektivität gegen Stellungen der Angreifer in und um Kobane geführt.

Sollte der IS trotz zahlenmäßiger und waffentechnischer Überlegenheit nicht die Stadt erobern können, so würden die Terrormilizen den Nimbus der Unbesiegbarkeit verlieren. Falls jedoch die Allianz aus Kurden und ihren Unterstützern dem IS unterliegt, könnte es eine Bestätigung sein, dass das Bündnis brüchig und zu wenig fundamentiert ist. Letzteres ist das meiner Meinung nach wahrscheinlichere Szenarium.

(Quelle: u.a. Wikipedia)

Erntedank

erntedankWem fällt es heute noch auf? Das Erntedankfest hat sich hinter Kirchen- und Gemeindetüren zurückgezogen. Die Allgemeinheit – selbst auf dem Land – nimmt von der Ernte geschweige denn vom Dank  kaum Notiz. Anders als Ostern oder gar Weihnachten. Das sind Feiertage, die zwar sinnentleert aber immer noch in der Familie und der Öffentlichkeit in irgendeiner Weise gefeiert werden. Dabei ist der Anlass zu diesem Fest sehr handgreiflich. Nur wird die Tragweite des Themas ‚Ernte‘ in unseren Breiten kaum noch wahrgenommen.

Deshalb ist es umso wichtiger, in den Familien die Kinder immer wieder mit der Bedeutung und Vielfalt des Erntedankfestes vertraut machen. In der Bibel heißt es schon:

„Du sollst auch das Fest der Ernte, des ersten Ertrags deiner Aussaat auf dem Feld, halten, ebenso das Fest der Lese am Ende des Jahres, wenn du den Ertrag deines Feldes eingebracht hast.“ (Ex 23,16)

 

Erntedank-Gebet

Wir danken, Herr, für deine Gaben,
erwachsend aus der Erde Schoß,
denn alles  Leben, was wir haben,
wird nur aus deiner Güte groß.

Du lässt die Sonn ‚ am Himmel scheinen,
den Mond, die Sterne in der Nacht,
schenkst Regen uns, lässt Pflanzen  keimen
und  blühen, was uns glücklich macht.

Du gabst die Schöpfung uns zur Pflege,
nun bitten wir, gib uns die Kraft,
sie auch in deinem Sinn zu hegen,
nur das zu tun, was Frieden schafft!

(Ingrid Herta Drewing)

And the winner is …

Ulrich_NeymeyrDer neue Bischof des Bistums Erfurt heisst Ulrich Neymeyr.

Nachdem die Gerüchteküche den Namen schon gestern dem MDR und der TLZ geflüstert hat, ist es nun öffentlich. Schade nur, dass der Terminplan des „Neuen“ die Teilnahme an der am Sonntag stattfindenden traditionellen Herbstwallfahrt nach Erfurt nicht zulässt. Das ist kein guter Start. Es wäre sicher schön, wenn Bischof Neymeyr sich seinen Schäfchen zeigen würde, die so lange für einen guten neuen Bischof beten mussten.

Hier noch einige Eckdaten, die das Presseamt des Bistums Erfurt zum neuen Bischof herausgibt:

„Weihbischof Neymeyr kam am 12. August 1957 in Worms zur Welt. Nach dem Abitur studierte er als Priesterkandidat des Bistums Mainz in Mainz und Münster Philosophie und Katholische Theologie und wurde am 12. Juni 1982 zum Priester geweiht. Nach zwei Kaplansjahren in Mainz wurde Neymeyr für ein Promotionsstudium freigestellt. 1987 erwarb er mit seiner Studie über „Die christlichen Lehrer im zweiten Jahrhundert: ihre Lehrtätigkeit, ihr Selbstverständnis und ihre Geschichte“ den Titel eines Doktors der Theologie. Noch im gleichen Jahr berief ihn Bischof Karl Lehmann als Subregens an das Mainzer Priesterseminar, wo er das Theologiestudium der Priesterkandidaten begleitete und in der Hausleitung mitarbeitete. 1993 kehrte Dr. Neymeyr in die Pfarrseelsorge zurück und leitete als Pfarrer eine Kirchengemeinde in der Opel-Stadt Rüsselsheim. Hier wirkte er auch in der Arbeiterpastoral und engagierte sich im christlich-islamischen Dialog. Im Jahr 2000 wechselte er als Pfarrer dreier Gemeinden nach Worms.

Am 20. Februar 2003 ernannte Papst Johannes Paul II. Pfarrer Dr. Ulrich Neymeyr zum Weihbischof in Mainz. Am 21. April 2003 empfing er im Mainzer Dom die Bischofsweihe. Der bischöfliche Wahlspruch stammt aus dem Römerbrief der Bibel: „Christus suscepit nos – Christus hat uns angenommen“ (Röm 15,7). Zu seinen Aufgaben als Weihbischof gehörten ausführliche Besuche in den Dekanaten des Bistums, um mit Haupt- und Ehrenamtlichen zu sprechen und mit ihnen die Möglichkeiten kirchlichen Lebens und Handelns vor Ort auszuloten. Seit Mai 2003 leitet Weihbischof Neymeyr außerdem als Bischofsvikar für die Jugend das Dezernat Jugendseelsorge im Bistum Mainz. Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz ist er stellvertretender Vorsitzender der Jugendkommission und Mitglied der Publizistischen Kommission. Darüber hinaus ist er Vizepräsident der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte und Vorsitzender des Kuratoriums der Wilhelm Emmanuel von Ketteler-Stiftung.

Den meisten Thüringer Katholiken dürfte Weihbischof Neymeyr, der in seinem Heimatbistum als „Mann der Pastoral“ gilt, eher unbekannt sein. „Er hat Menschen gern“, sagt einer, der ihn näher kennt. Dazu passt, dass ihm in Gesellschaft und Kirche das harmonische Miteinander wichtig ist, dies aber nicht zu Lasten von Verschiedenheit und Pluralismus gehen soll. „In der Kirche trauen wir dem Heiligen Geist auch zu, dass er nicht nur Vielfalt und Verschiedenheit bewirkt, sondern auch die Harmonie dieser Unterschiede“, sagte der Weihbischof bei der Eröffnungssitzung des Hessischen Landtages im Januar dieses Jahres.

Thüringen und das Bistum Erfurt sind dem neuen Bischof nicht unvertraut. Seine Großeltern mütterlicherseits stammen aus Pößneck und Sonneberg, zogen aber später nach Mannheim. Der Besuch von Verwandten in Stadtilm führte den Gymnasiasten Neymeyr 1973 auch erstmals nach Erfurt. Hier sollte er später als Subregens und Weihbischof dienstlich noch einige Male zu Gast sein. Beim Deutschlandbesuch des Papstes 2011 zählte Neymeyr zu den Bischöfen, die Benedikt XVI. nach Erfurt und Etzelsbach begleiteten. Um die Situation der Thüringer Katholiken als kleiner Minderheit in einer weitgehend konfessionslosen Bevölkerung weiß der künftige Erfurter Bischof, aber es sind gänzlich andere Verhältnisse als in seinem Heimatbistum. Deswegen will er in seinem neuen Amt „erst einmal hören, sehen und lernen“.

Auch der Kreuzknappe weiß schon bescheid: Der „Neue“ für das Bistum Erfurt. Schön wird in dem Artikel auch auf unsere beondere Diaspora-Situation eingegangen. Da muss man nur noch ergänzen, dass ca. 70 Prozent der Bevölkerung Thüringens die Aufregung und Freude über einen neuen Bischof nicht in dieser Weise teilen, weil sie weder getauft sind noch einer anderen Religion angehören.

Beten wir für unseren neuen Bischof, dass er sich gut einbringt mit vielen neuen Ideen und frischem Wind, und dass Gott ihm die Kraft schenken möge, unserem Bistum außer der Strukturreform auch neuen Schwung und viele gute pastorale Impulse zu verleihen.

Der Mann, der ein ISIS-Massaker überlebte

IrakischerSoldatAls ich am Sonntag die Tagesschau anschalten wollte, war ich ein paar Minuten zu früh auf dem Sender und erwischte noch den letzten Beitrag des Magazins „Weltspiegel“. Diese Reportage, welche die ARD von der New York Times übernommen hat, hat mich sehr schockiert. Wie die Redaktion des Weltspiegels frage ich mich, ob ich diesen Bericht einfach so zeigen soll, weil er wirklich sehr grausame, aber reale Szenen zeigt, wie sie sicherlich so zur Zeit im Irak /resp. in Syrien sich ereignen.

Aber ich habe mich entschieden diesen Bericht aufzunehmen und auf die Filme zu verweisen, die bereits vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt wurden. Außerdem ist Gewalt im Internet, in Filmen und (Schulhof)-Videos heute manchmal genauso oder noch viel brutaler und wird aber als solche schon gar nicht mehr wahrgenommen. Deshalb betone ich noch einmal, dass in diesem Beitrag Menschen zu sehen sind, wie sie andere Menschen zusammentreiben und auf verschiedenste Weisen töten.

Derjenige, der diesen Bericht heute auf Youtube veröffentlicht hat, schreibt in einem anderen Interesse, das ich aber auch aufs höchste unterstützen möchte:

„Das ist ein arabischer Buchstabe: „ن“
(N für Nazarener und bedeutet Christ im negativen Sinne),
welcher an christlichen Häusern in Mossul/Irak gemalt wurde, um sie als Christen zu identifizieren.

Nicht nur die Christen erhielten das Ultimatum sondern auch die Jesiden und andere religiöse Minderheiten:
• hohe Kopfsteuer zu zahlen,
• zum Islam zu konvertieren oder
• getötet zu werden.

Die Juden markierte man damals mit dem Stern. Die Christen nun mit diesem Buchstaben. Die Geschichte wiederholt sich! Schaut nicht weg! Setzt euch ein und handelt JETZT“

SaveOurSouls: https://1915.de/

Und bitte nicht die Fürbitte für die verfolgten Jesiden und Christen vergessen. Es wäre auch sinnvoll, eine Gebetsnacht zu gestalten und andere Aktionen ins Leben zu rufen!

 

Papst Benedikt XVI. legt sein Amt nieder

Benedikt XVI

Als erster Papst der Neuzeit legt Papst Benedikt XVI. aus gesundheitlichen Gründen am Ende des Monats sein Amt nieder. Die Medien schlafen auch am Rosenmontag nicht, auch wenn alle Welt die Umzüge in Mainz, Düsseldorf und Köln schauen will, bringt die ARD-Tagesschau schon Sondersendungen am laufenden Band.

Zur Mittagszeit hat der Papst eine eigene Erklärung auf Latein abgegeben. Mittlerweile liegt die Erklärung schon in Deutsch vor. Der Papst sagt u.a.:

„Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.“

Da kann ich nur hinzufügen: Der erste Papst, der das so erkennt, dass er einfach nicht mehr in der Lage ist – ohne nur auf seine Berater zu vertrauen – die Erfordernisse der Gegenwart anzupacken und Probleme, die anstehen, zu lösen. Hut ab, egal, was freche Mäuler sagen würden, er solle bis zur vollständigen Unfähigkeit und bis zum Tod weitermachen.

Nicht umsonst gibt es eine wissenschaftliche These, die sich das „Peter-Prinzip“ nennt. Die These behauptet, dass „in einer Hierarchie […] jeder Beschäftigte dazu [neigt], bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ (Laurence J. Peter, Raymond Hull: Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen, Reinbek bei Hamburg 1972, Kapitel 1) Ich würde dem Autor nicht 100%-ig zustimmen, aus diesem Grund keine Karriere anzustreben. Vielleicht ist sich der Papst ja dieser These bewusst. Und das finde ich bewunderungswürdig. Und er sagt in seiner Erklärung weiter:

„Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so dass ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muss.“

Let’s talk about: Mobbing

Soeben habe ich einen erschreckenden Artikel gelesen, der mich traurig und wütend zugleich macht: Amanda Todd – Ein Mädchen wird gemobbt. Nicht erst seit es das Internet gibt und leider kein Einzelfall, wie auch die lange Kommentarliste zu dem Artikel zeigt. Es haben sich schon viele (junge) Menschen das Leben genommen, weil sie von ihren Mitschülern oder Arbeitskollegen gehänselt, verhetzt, denunziert und ausgebootet sowie auf die unterschiedlichsten Arten – nicht nur sexuell sondern auch psychisch – missbraucht, erniedrigt und beleidigt wurden.

Es erschreckt mich immer wieder, welche menschenverachtende Energie Menschen entwickeln können. Das alles beginnt ganz harmlos mit dem Satz: „Hast du schon gehört …“ Dabei denken sich die Leute nicht einmal etwas dabei. Und das ist wohl auch der springende Punkt. Die Hemmschwelle ein Gerücht in die Welt zu setzen und an seiner Verbreitung zu arbeiten ist extrem niedrig. Über andere zu reden ist immer einfacher als mit ihnen! Es ist die ACHTE Todsünde in unserer heutigen Zeit: Schlecht über andere zu reden. So fängt alles an und setzt sich fort und potenziert sich. Man muss nicht einmal „schlechte“ Absichten haben, um ein Gerücht zu verbreiten. Es geht furchtbar schnell, vor allem im Zeitalter des Internets.

Viel zu viele machen es aber auch ganz bewusst, um Macht auf andere auszuüben und ihren (perversen), bösen Neigungen und Trieben nachzugehen und diese zu befriedigen. Oder sie wollen sich – wie auch immer – einen eigenen Vorteil verschaffen, ihre eigene Machtposition sichern und stärken. Das ist keine Krankheit, mit der man sich auch noch vor Gericht herauslavieren kann. Nein liebe Psychoanalytiker, das ist schlichtweg böse und sündhaft. Sünde ist keine Krankheit. Das Böse gehört zum Menschen wie das Gute (, das hoffentlich in den meisten Menschen zur Einsicht ihrer Schuldbeladenheit und bestenfalls zur Einsicht in die Wahrheit und zur Hinwendung zum Leben führt).

Was kann ich tun? Die christliche Tradition kennt die Werke der Barmherzigkeit, die auf die Botschaft Jesu zurückgehen, die er uns nicht nur vorgelegt sondern vorgelebt hat. Dabei werden „klassisch“ folgende leiblichen Werke der Barmherzigkeit genannt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien, Tote bestatten.

Augustinus ergänzt auch noch folgende als geistliche Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnden raten, Irrende zurechtweisen, Trauernde trösten, Unrecht ertragen, Beleidigungen verzeihen, für Lebende und Tote beten.

Im Jahr zum Gedenken an die Heilige Elisabeth von Thüringen 2007 wurden in Erfurt die sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen neu formuliert:

Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu,
ich höre dir zu,
ich rede gut über dich,
ich gehe ein Stück mit dir,
ich teile mit dir,
ich besuche dich,
ich bete für dich.

Ist das zuviel verlangt, danach zu handeln? Ich bete für die Opfer von Mobbing und damit verbundener Gewalt sei es psychische oder physische.

Über das Beten

Fragmente und Nebenbemerkungen scheinen mehr Kommentare auszulösen als lange Artikel. So auch das kurze Fragment, welches ich Anfang des Monats herausgegeben habe („Beten„). Also schreibe ich jetzt mal etwas länger über ein zentrales Thema nicht nur der christlichen Religion. Natürlich kann ich nur aus meiner mir eigenen katholischen Sicht darüber schreiben. Vielleicht kann der eine oder andere sich aber auch mit seinen Erfahrungen wiederfinden.

Ich habe Beten gelernt über die Mutter. Das kann und muss ich so sagen. Auch wenn meine Mutter eine berufstätige Frau war, hat sie sich immer Zeit genommen, um mit uns Kindern morgens und abends am Bettchen zu beten. Dabei knieten wir als kleine Kinder vor dem Bett mit Blick auf das große Kreuz mit silbernen Korpus, das über dem Bett geradezu zu schweben schien. So lernte ich verschiedene Kindergebete, das Gebet zum Schutzengel und zur Gottesmutter Maria, die auf einem Bildchen an das Kreuz angeheftet war. Mittags gehörte das Tischgebet vor und nach dem Essen selbstverständlich dazu. Zum Frühstück und Abendbrot wurde nicht extra gebetet. So wurde ich größer. Und es waren eigentlich immer die Bilder, die mich geprägt haben, und die mir einen Konzentrationspunkt beim Gebet gegeben haben. Allerdings war es keine Bilderflut, wie beim Barock; es war eher klassizistisch, streng auf das Wesentliche begrenzt. Wie auch in unserer Kirche, wo mich das Altarbild des auferstehenden Christus (60/70-er Jahre Stil) sehr beeinflusst hat. Natürlich war es nicht immer leicht, sich zu konzentrieren und alles, was von außen oder innen stört auszublenden. Mit der Zeit jedoch habe ich gelernt diese Dinge einfach mit ins Gebet zunehmen.

Durch die Gebetspraxis, die sich, je älter ich wurde, gewandelt hat, lernte ich auch verschiedene Formen des Gebets kennen.

Natürlich: 1. Das vorformulierte Gebet
Schon bei Lukas im 11. Kapitel lesen wir die Frage seiner Jünger, als sie Jesus beim Beten gesehen haben: „Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“ Darauf sagt Jesus: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.“ Interessant bei Lukas finde ich, dass es keine große Lehrgeschichte ist, wie bei Matthäus (dort eingebettet in die Bergpredigt: Mt 6,5-13 und als Abgrenzung zu seinen Gegnern). Jesus geht auf die konkrete Not der Jünger ein, die sehen, wie er zum Vater betet und die auch in diese Beziehung zum Vater in der Art und Weise wie Jesus eintreten wollen. Das Vaterunser ist dann zum Grundgebet der Christen geworden. Aus dem reichen Schatz der Psalmen schöpfen wir bis heute, nicht nur im Stundengebet der Kirche. Viele Gebete und Lieder im Gotteslob haben diese als Grundlage. Auch die Kindergebete sind in ihrer Art mit den Psalmen verbunden. Neben vielen anderen Christusgebeten und -hymnen (vgl. Phil 2,6-11), siehe auch im Gotteslob, gibt es das Gebet zur Gottesmutter: „Gegrüßet seist du, Maria“ (Ave Maria), welches Maria um ihre Hilfe und Fürsprache bei Gott beinhaltet. Aus dem „Gegrüßet seist du, Maria“ und dem Vaterunser sowie dem „Ehre sei dem Vater …“ wurde dann das Rosenkranzgebet, das im Monat Oktober besonders gepflegt wird.

Zu den vorgefertigten Gebeten zähle ich auch das Fürbittgebet in der Hl. Messe sowie alle Gebete der Hl. Messe (Tagesgebet, Lieder, Antwortpsalm, Präfation und Hochgebet usw.) und in anderen Gottesdiensten (Vesper, Rosenkranzandacht, Maiandacht, Eucharistische Andacht, Litaneien etc.). Als besonderes Gebet: das Gloria, das uns die Hl. Engel verkündet haben, als Jesus geboren wurde. Im übrigen sind geistliche Lieder besondere vorgefertigte Gebete. Sie müssen nicht immer poetisch sein. Manchmal geraten sie auch aus der Mode, weil ein Kampflied aus dem 30-jährigen Krieg nicht mehr ganz in unser modernes Weltbild zu passen scheint.

Dann: 2. Das freie Beten
Dem vorgeformten Gebet gleich wichtig ist das persönliche Gebet, das aus dem Herzen entspringt und keine festgefügte Form hat. Dennoch folgt es auch gewissen Grundregeln: Es kann Bitt-, Lobpreis- oder Dankgebet sein, auch die Klage in der Not nicht zu vergessen. Es ist dem Gebet Jesu ähnlich, wenn er sich immer wieder von seinen Jüngern zurück zieht, um in der Einsamkeit, auf einem Berg, mit seinem Vater zu sprechen. Dabei wird auch zweierlei deutlich: Er für sich, allein, persönlich. Aber Jesus betet auch für die Seinen, so dass es auch zum gemeinsamen Gebet wird, das vor allem auch ein geistgewirktes und -geprägtes Gebet ist. Und das ist eine uralte Tradition. „Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, …“ (Eph 6,18) und die berühmte Mahnung: „Betet ohne Unterlass!“ (1Thess 5,17). [Kleine Anmerkung: Mit „Heiligen“ meint Paulus vor allem die lebenden Gläubigen der Gemeinde gemeinsam mit den Verstorbenen, esp. den Martyrern.] So hat es uns Jesus vorgelebt, so sollen auch wir es für alle Heiligen und für die ganze Welt machen, und in erster Linie für uns selbst. Allein und miteinander.

Und schließlich: 3. Das kontemplative Gebet
Als eine Form des persönlichen Gebets ist das betrachtende bzw. kontemplative Gebet wirklich eine Sonderform. Viele Menschen scheuen sich vor dieser Art Gebet, denn es wirft einen sehr stark auf sich selbst und die Beziehung zu Gott. Während die oben genannten Gebetsformen mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen auch gemeinsam angewendet werden können, ist und bleibt das kontemplative Gebet eine Privatsache. Es erfordert Stille. Stille ist nicht nur das Fehlen von Lärm und Reizen, die uns vom Beten so wie so ablenken können. Stille ist das konsequent in die Einsamkeit Gehen, sich von der Welt zurück ziehen.

Wer das einmal nachvollziehen will, dem empfehle ich: a) längere Einzelexerzitien (notfalls auch Gruppenexerzitien) in einem Kloster zu machen, welches nicht gerade in einer Stadt liegt, oder/und b) sich den Film „Die große Stille“ anzuschauen. Sollte man bei diesem Film im ansonsten ausgeruhten Zustand einschlafen, dann ist ein Versuch kontemplativ zu beten, eher schwierig.

Was aber macht das kontemplative Gebet aus? Es ist das absichtslose Dasein vor Gott. Ich setze mich vor Gott hin, der sich mir aussetzt. Deshalb ist eine gute Gelegenheit zum kontemplativen Gebet eine Andacht mit Aussetzung des Leibes Christi oder ein Gottesdienst wie z.B. Nightfever o.ä. Man kann aber auch sich einfach in die Kirche setzen und zu Gott sagen: „Rede Herr, denn dein Diener hört.“ (1Sam 3,10)

Das ist auch die zweite Grundvoraussetzung: Nicht ich mit meinen Anliegen stehe im Vordergrund, sondern Gott, der alle meine Freuden und Sorgen schon kennt. Ich muss meine Sichtweise und Haltung zu Gott ändern. Ich muss ein Hörender werden. Letzteres ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung des Betens überhaupt wie auch des Singens und Musizierens. Während es bei der Musik sowohl um die Organe und die Ohren des Herzens geht, sind es die letzteren, die ein Beter braucht, um mit Gott in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Aber auch für die Kommunikation unter den Menschen ist es wichtig mit den Ohren und den Augen des Herzens zu handeln. Wie Antoine de Saint Exupéry schreibt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Eine Internetseite habe ich soeben zu diesem Thema gefunden. Dort gibt es Tipps und Ideen, um beten zu lernen. Aber auch darüber hinaus Stoff zur Schriftbetrachtung (die wiederum zum Gebet führen kann) etc. Die Seite tendiert jedoch stark zu – hm, wie soll ich sagen – spezieller marianischer und mystischer (von Sr. Faustyna Kowalska) und Herz Jesu Frömmigkeit, besonders auch der eucharistischen Frömmigkeit a la Nightfever. Mit gesundem kritischen Abstand kann jedoch jeder Christenmensch dort viele gute Anregungen zum Beten finden.

Beten

Die Sommerpause spült nicht nur Treibgut und Seeräuberbeute an den Strand sondern auch Fragmente:

An mich wird manchmal die Anfrage herangetragen, ob ich nicht einmal einen Vortrag über das Beten halten könnte. In meinen Predigten habe ich es ja schon angedeutet. Auch in meiner noch nicht fertigen Predigtreihe, die ich eigentlich schon im Advent halten wollte, sollen einige Gedanken dazu kundgetan werden – .

Ehrlich gesagt tue ich mich etwas schwer damit, einen Vortrag zu dem Thema anzufertigen. Ich befürchte er wird zu theoretisch. Dabei ist Beten doch etwas wenig objektiv fassbares. Es gibt so viele Gebetsformen, wie es Spiritualitätsformen in der Kirche gibt. Vielleicht ist es gut, beim „Urschleim“ anzufangen. Nein, nicht bei Adam und Eva, sondern bei den Gebeten der Kindheit. Und schon taucht das nächste Problem auf: In welcher Familie wird heute noch gebetet?

Bahrain – der vergessene Kampf um Freiheit

Während alle Welt über Syrien redet oder diskutiert, vergessen wir viele Konfliktherde. Gestern habe ich eine Reportage auf ARTE gesehen – in der Zeit, als die zweite Hälfte von Polen gegen Russland lief. Diese hat mich sehr schockiert. Ich fand es auch sehr mutig von den Journalisten, sich auf diese Insel zu begeben. Vergessen wir auch die Menschen nicht, die dort versuchen, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen und einzustehen für Freiheit und Gerechtigkeit. Und beten wir für eine friedliche und baldige Lösung dieser Massaker ähnlichen Zustände.

Bahrain – Verbotene Bilder Schrecklich!

Hier die Reportage:

Bahrain – der vergessene Kampf um Freiheit

11 Uhr – Erfurt

Heute um diese Zeit haben in Erfurt alle Kirchenglocken geläutet. Vor zehn Jahren betrat Robert Steinhäuser wahrscheinlich gegen 10.45 Uhr das Gutenberggymnasium. Der Tathergang des später als „Amoklaufs von Erfurt“ bekannt gewordenen Massakers ist hinreichend beschrieben und dokumentiert worden. Ich selbst habe eine voll Trauer, Wut und Angst gelähmte Stadt erlebt, die in großen Lettern immer wieder die Frage schreibt: „Warum?“ Viele Blumenkränze und Plakate vor der Schule und in den Kirchen Erfurts waren Zeugen dafür. Es ist nicht vergessen.

Zwei Jahre nach der Tat entstand der Dokumentarfilm, auf den ich heute gestoßen bin. Im Beitext heißt es:

„Der von der Schule verwiesene Amokschütze Robert Steinhäuser erschoss damals, am 26. April 2002, 16 Menschen, bevor er sich schließlich selbst tötete. Es war ein Amoklauf „nach amerikanischem Vorbild“, den in Deutschland keiner für möglich halten wollte. Die Tat hätte sich in jeder deutschen Stadt ereignen können. Dass es in Erfurt geschah, ist für die Angehörigen der Opfer und des Täters eine grausame Tragödie. Die beiden Dokumentarfilmer verzichteten bewusst auf zusätzliche filmische Mittel, wie etwa Musik. „Keinerlei Effekte, kein ästhetischer Schnickschnack, keine Pseudo-Emotionalisierung“, schrieben sie im Februar diesen Jahres. „Die geführten Gespräche erschienen uns in ihrer Aussagekraft und Emotionalität dicht genug, um sie allein für sich, ohne jegliche Kommentierung durch uns, und möglichst unaufdringlich montiert sprechen zu lassen.“ Den Filmemachern Schnadt und Beulich ist im Ganzen ein Film gelungen, der zahlreiche Hinweise auf die gesellschaftlichen Ursachen der Tat von Robert Steinhäuser liefert. Der Film lässt Lehrer, Mitschüler, Angehörige der Opfer und auch zum ersten Mal die Eltern und den Bruder von Robert Steinhäuser sprechen.“ (Der Amoklauf des Robert Steinhäuser)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und wer sich (stückchenweise) bis hier her durchgearbeitet hat, wird vielleicht ein bisschen mitfühlen können, was die betroffenen Menschen bewegt und worunter sie heute immer noch leiden. Es ist aber auch wichtig, dass Schüler immer wieder davon erfahren, auch diejenigen, die nach 10 Jahren die Schulen bevölkern, und dieses Ereignis nur aus den Medien und den Erzählungen kennen.

Ich schreibe dies, nicht damit es sich nicht wiederholen soll, denn es ist ja bereits wieder passiert und das Potential ist heute noch genau so vorhanden und nicht geringer geworden, nein, ich poste diesen Artikel, weil ich der Meinung bin, dass weder Gesellschaft noch Schule daran etwas ändern können, sondern dass sich etwas ändert, wenn ich bei mir anfange. Wie das auch der Betroffene Eric T. Lang erkannt hat.

Als ebenso wichtige Instanz sehe ich die Familie an. Trotz der harten Realität der Arbeitswelt heute und der ganzen Zwänge. Dabei sind immanent wichtig die ersten Lebensjahre. Was die Eltern vor der Schulzeit (vor dem Kindergartenalter möchte ich fast meinen) versäumt haben an Erziehung (an wirklicher Erziehung), dass bemühen sich die Lehrer vergebens, den Schülern beizubringen. Ja, ich denke sogar, die Schule kann die Kinder/ Jugendliche nicht auf das Leben vorbereiten, wenn da die Eltern nicht schon einen entscheidenden Grundstein gelegt haben.

Auf der anderen Seite sollten weder Staat noch Schule den Eltern Steine in den Weg legen, wie auch umgekehrt. Das was man Elternabend nennt, ist nämlich manchmal ganz etwas anderes: Ein Schlachtefest voll Dekadenz auf beiden Seiten. Der pubertierende Jugendliche dazwischen mit seiner mangelnden Motivation, seiner Suche nach sich selbst und seinem Platz in dieser Welt. Manchmal heillos überfordert, weil die Eltern ihn mit den besten Absichten in die falsche Schule geschickt haben. Allein gelassen sich fühlend, weil niemand ihm helfen kann mit seinen Pickeln und kochenden Hormonen umzugehen, dazu all dieser Frust in der Schule und die drohende Langeweile.

Was tun wir? Wir denken nach über die Änderung des … Waffengesetzes. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer in die falsche Richtung. Völlig von der Schule genervt sagte schon Seneca: non vitae, sed scholae discimus (nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir). Die Pädagogen haben den Satz dann mit erhobenen Zeigefinger umgekehrt.